
Es ist wieder dieser Moment am Sonntagabend in Altona. Draußen hängen die Wolken so tief über der Elbe, dass man die Spitzen der Hafenkräne nur noch erahnen kann, und drinnen pfeift der Wasserkocher. Blasius, mein schwarzer Kater, hat es sich bereits auf meiner zusammengerollten Matte bequem gemacht, die wie immer zwischen dem Küchenregal und dem alten Holztisch klemmt. Ich schlage mein Leinen-Heft auf. Seit März 2024 schreibe ich hier alles auf, was mein Rücken mir so flüstert oder manchmal auch brüllt. Heute geht es um diesen ersten Moment am Morgen, wenn man die Beine aus dem Bett schwingt und sich fühlt, als bestünde man aus altem, rostigem Blech.
Das Gefühl von Rost: Ein grauer Morgen in Altona
Vielleicht kennst du das. Der Wecker klingelt, und noch bevor der erste Gedanke an den Kaffee oder die Bestellliste vom Hanser-Verlag greifbar ist, ist da dieses Ziehen. Ein tiefer, dumpfer Druck im unteren Rücken. Es ist dieser klassische Start in einen Tag, der mich früher oft verzweifeln ließ. Besonders, wenn ich wusste, dass mich in der Buchhandlung in der Großen Elbstraße wieder neun Stunden auf den Beinen erwarten. Wenn man vier Tage die Woche dort steht, summiert sich das auf eine wöchentliche Stehbelastung im Verkauf von 36 Stunden. Das ist eine Menge Zeit, in der die Schwerkraft an den 24 freien Wirbeln der menschlichen Wirbelsäule arbeitet.
Ich erinnere mich noch gut an einen regnerischen Dienstagmorgen im November. Ich versuchte, mich wie gewohnt direkt nach dem Aufstehen tief vorzubeugen, um meine Zehen zu berühren – in der Hoffnung, die Steifheit einfach wegzudehnen. Aber es fühlte sich falsch an. Es war ein stechender Protest meines Körpers. Heute weiß ich, dass ich damit genau das Falsche getan habe. Aber damals dachte ich, Dehnung sei das Allheilmittel für alles, was im Buchhandel schiefläuft, genau wie ein guter Krimi gegen schlechte Laune hilft.

Warum Dehnen am Morgen oft die falsche Geschichte erzählt
In meiner Zeit mit der Wirbelsäulentherapie nach Reichl habe ich etwas Wesentliches gelernt, das meine gesamte Morgenroutine verändert hat. Es ist eine Erkenntnis, die ich erst nach den ersten vier Wochen im März 2024 wirklich verinnerlicht habe. Wir glauben oft, dass wir die Steifheit „aufbrechen“ müssen. Aber meine Bandscheiben sind morgens wie kleine, pralle Kissen, die sich über Nacht mit Flüssigkeit vollgesogen haben. Wenn ich sie dann sofort mit maximaler Dehnung unter Druck setze, provoziere ich sie eigentlich nur.
Stattdessen habe ich gelernt, meinen Rücken sanft zu wecken. Mein Ansatz heute, den ich auch letzten Sonntagabend beim Schreiben im Leinen-Heft noch einmal reflektiert habe: Isometrische Anspannung statt passiver Dehnung. Ich versuche nicht mehr, mich wie eine Brezel zu verbiegen, bevor der erste Tee fertig ist. Ich nutze kleine, gezielte Bewegungen, um die Muskulatur zu aktivieren, die meine Wirbel stützt, bevor sie die Last der schweren Bildbände tragen müssen. Das ist ein bisschen so, als würde man ein wertvolles altes Buch erst einmal ganz vorsichtig aufschlagen, statt den Buchrücken direkt mit Gewalt zu knacken.
Ich bin natürlich keine Physiotherapeutin oder Ärztin, sondern nur eine Buchhändlerin mit einem Kater und einem Hang zu guten Texten. Wenn deine Schmerzen wirklich schlimm sind oder nicht weggehen, solltest du das unbedingt mit einem Orthopäden abklären, bevor du selbst auf die Matte gehst. In meinem Fall war es jedoch diese kleine Umstellung in der Wahrnehmung, die den Unterschied machte.
Die Zehn-Minuten-Routine zwischen Regal und Küchentisch
Meine Matte hat das Standardmaß von 180cm x 60cm. Sie passt perfekt in die Lücke neben meinem Küchentisch. Oft rolle ich sie gar nicht ganz aus, wenn Blasius darauf schläft, aber meistens schaffe ich es, ihn sanft herunterzukomplimentieren. Meine Routine dauert selten länger als zehn Minuten. Manchmal, wenn es im Laden besonders stressig war, wie während der stressigen Vorweihnachtszeit, sind es sogar nur fünf.
Ich beginne meistens im Liegen. Ich spüre, wie die Lendenwirbelsäule auf der Matte unter dem Gewicht des eigenen Körpers sanft nachgibt. Das ist oft der erste Moment der Erleichterung. Ein tiefes, befreiendes Ausatmen. Ich arbeite dann mit sanften Druckimpulsen. Ich drücke zum Beispiel meine Fersen ganz leicht in den Boden, nur so viel, dass ich die Spannung im unteren Rücken und im Gesäß spüre, ohne dass eine große Bewegung sichtbar ist. Das ist diese isometrische Arbeit, die den Rücken stabilisiert, statt ihn in der frühen Aufwachphase durch Überdehnung zu überfordern.
Es geht darum, dem Körper zu sagen: „Hey, wir müssen gleich wieder schwere Kartons im Lager sortieren, mach dich bereit.“ Es ist eine Vorbereitung auf die Last, kein Fluchtversuch vor ihr. In meinem Artikel über Rücken stärken ohne Geräte: Meine Wirbelsäulentherapie Erfahrungen für zuhause habe ich schon einmal darüber geschrieben, wie wichtig diese Beständigkeit in der Einfachheit ist. Man braucht keine teuren Geräte, nur diese zehn Minuten Aufmerksamkeit.

Der Alltag im Laden: Wenn die Leiter ruft
Wenn ich dann in der Buchhandlung stehe, merke ich den Unterschied sofort. Es gibt diesen einen Moment, fast jeden Tag, wenn ich auf die oberste Sprosse unserer alten Holzleiter steige, um einen Band aus dem obersten Regal zu fischen. Früher war das immer der Moment der Wahrheit: Würde es ziehen? Würde ich oben kurz innehalten müssen, weil der Rücken blockiert?
Heute greife ich nach oben, und da ist dieses Gefühl: Das kühle, glatte Metall der Buchhändler-Leiter unter meinen Handflächen, während mein unterer Rücken beim Strecken zum obersten Regal endlich nicht mehr zieht. Es ist eine Freiheit, die ich lange nicht für möglich gehalten hätte. Es ist nicht so, dass der Rücken komplett „geheilt“ ist im Sinne eines perfekten Zustands – er ist eben 36 Jahre alt und hat ein Germanistik-Studium und neun Jahre Stehen hinter sich. Aber er ist belastbar geworden.
Oft denke ich an die Frau, die jeden Donnerstag kommt und diesen einen Doppelgänger-Band sucht, den wir einfach nicht finden können. Sie erinnert mich daran, dass manche Dinge Zeit brauchen und man immer wieder hinschauen muss. So ist es auch mit dem Rücken. Es ist kein Projekt, das man abschließt, sondern eine Beziehung, die man pflegt. Dazu gehört auch, mal eine Woche zu überspringen, wenn alles zu viel ist, oder die Matte eingerollt zu lassen, wenn man am Sonntagabend lieber direkt mit einem Roman von Elizabeth Strout auf das Sofa sinkt.
Stabilität aus der Mitte
Was ich auch gemerkt habe: Die morgendliche Steifheit hat viel damit zu tun, wie wir unsere Mitte stabilisieren. Ich habe angefangen, Übungen einzubauen, die den Beckenboden mit einbeziehen, ohne dass es sich wie ein klassisches Training anfühlt. Es ist eher eine subtile Kraft, die man während des Zähneputzens oder beim Warten auf den Wasserkocher aktivieren kann. Wer sich dafür interessiert, kann mal in meine Notizen zum Thema Beckenboden trainieren bei Rückenschmerzen schauen – das war für mich ein echter Wendepunkt in Sachen Stabilität.
Jetzt, im Spätsommer 2026, blicke ich auf über zwei Jahre mit dieser Praxis zurück. Mein Leinen-Heft ist fast voll. Die Einträge sind mal länger, mal kürzer. Manchmal steht da nur: „Woche 82: Wenig gemacht, Rücken ok.“ Und das ist in Ordnung. Die Wirbelsäulentherapie nach Reichl hat mir beigebracht, dass es nicht um Perfektion geht, sondern um die sanfte Korrektur von Wirbelfehlstellungen durch gezielte Eigenbewegung. Es ist eine ehrliche Arbeit, so wie das Sortieren einer neuen Lieferung: Man muss wissen, wo was hingehört, damit das Ganze funktioniert.
Draußen ist es jetzt fast dunkel. Blasius hat sich auf meine Füße gelegt. Morgen früh wird es wieder regnen, und ich werde wieder diese erste Steifheit spüren. Aber ich weiß jetzt, dass ich nicht dagegen ankämpfen muss. Ich werde mich auf meine 180cm x 60cm große Insel begeben, die isometrische Spannung suchen und meinen Rücken sanft auf die nächsten neun Stunden in der Großen Elbstraße vorbereiten. Ohne Werbeversprechen, ohne Allheilmittel – einfach nur ich, die Matte und das Wissen, dass mein Rücken und ich mittlerweile ein ziemlich gutes Team geworden sind.