Angst vor Bewegung bei chronischen Rückenschmerzen im Alltag überwinden

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Die Hand liegt schon am Buchrücken, der Fuß auf der zweiten Sprosse der Leiter, bevor ich überhaupt merke, dass ich nicht gezögert habe. Kein kurzer Check, ob sich das Kreuz meldet. Kein Innehalten, bevor ich mich strecke. Genau darum geht es hier: nicht darum, ob der Rücken wehtut, sondern ob die Angst vor Bewegung schneller da ist als die Bewegung selbst. Rückenschmerzen bewältigen heißt für mich inzwischen weniger, den Schmerz loszuwerden, als der Angst ihre Macht zu nehmen.

Ein paar der Links, die in diesem Text auftauchen, führen zu Kursen, die ich selbst benutze, kaufst du darüber etwas, bekomme ich eine kleine Provision, für dich ändert sich am Preis nichts. Die ausführliche Offenlegung steht oben im Kasten, hier nur so viel: Ich schreibe ausschließlich über das, was ich in meinem Hamburger Alltag tatsächlich ausprobiert habe.

Zwei Bewegungen, ein Rücken: die Kasse und das Schaufenster

An der Kasse in der Großen Elbstraße sitze ich mehrere Tage die Woche stundenlang, und lange Zeit saß dort auch die Angst mit: jede Drehung zum Kartenlesegerät wurde im Kopf vorher geprüft, jedes Bücken nach der Tüte unter dem Tresen kalkuliert wie eine Rechnung, die bloß nicht aufgehen darf.

Monatelang hatte ich ein orthopädisches Sitzkissen unter mir, extra für den Kassenarbeitsplatz gedacht. Verändert hat es nichts, außer dass ich mich jetzt auch noch fragte, ob ich überhaupt richtig darauf sitze. Am Ende landete es unter der Theke, halb vergessen zwischen Ersatz-Kassenrollen.

Neulich habe ich die Auslage im Schaufenster komplett neu gemacht, auf beiden Knien, beide Hände flach auf dem Boden, um die unterste Buchreihe gerade zu rücken. Und mein Rücken hat schlicht nichts dazu gesagt. Kein Ziehen, kein Warnsignal, nur die Konzentration darauf, dass die Buchrücken alle in eine Richtung zeigen.

Zwischen diesen beiden Szenen liegt kein Trainingsplan und keine bestimmte Übung, nur ein Unterschied in der Grundhaltung: In der einen habe ich mich geschont, weil ich Schmerz erwartet habe. In der anderen habe ich mich einfach bewegt, weil gerade keine Zeit für Erwartung war. Das zweite hat besser funktioniert als das erste, und genau darüber lohnt es sich nachzudenken.

Rückenschmerzen bewältigen: dekoratives Wirbelsäulenmodell zwischen alten Romanen im Regal einer Hamburger Buchhandlung

Was Angst vor Bewegung mit dem Rücken macht, wenn man ihr recht gibt

In der Fachliteratur nennt man das Fear-Avoidance-Modell, und so trocken der Name klingt, so genau beschreibt er, was bei mir passiert ist: Schmerz erzeugt Angst vor der nächsten Bewegung, die Angst führt zur Vermeidung dieser Bewegung, die Vermeidung macht Muskeln und Gelenke steifer und weniger belastbar, und diese Steifheit sorgt beim nächsten Versuch für noch mehr Beschwerden, was die ursprüngliche Angst bestätigt, obwohl sie sie eigentlich erst selbst erzeugt hat.

Der Kreis schließt sich leise, und er verläuft genauso über den Kopf wie über den Körper, das eine ohne das andere zu betrachten, bringt bei Angst vor Bewegung wenig. Niemand entscheidet morgens bewusst, sich weniger zu bewegen. Es passiert in kleinen Schritten: ein Griff, der ausgelassen wird, eine Drehung, die man umgeht, ein Regal, das man lieber nicht mehr selbst einräumt. Nach einer Weile hat man sich einen kleineren Körper gebaut, ohne es zu merken.

Was die Wirbelsäulentherapie von reichl für mich geleistet hat, ist ein eigenes Kapitel, das ich woanders ausführlicher aufgeschrieben habe, hier zählt nur, dass mich die Wirbelsäulentherapie, acht Module und über fünfzig Videos, rund sechs Stunden insgesamt, überhaupt erst hat sehen lassen, wie viele Bewegungen ich mir im Kopf schon verboten hatte, bevor der Körper je gefragt wurde. Parallel dazu läuft bei mir oft der Kurs Phaenomen Leben [Weite], fünf Module über insgesamt zwölf Stunden, eher zum Zuhören als zum Nachmachen gedacht, gut für den Weg zur Arbeit oder für lange Spaziergänge, bei denen der Kopf sowieso frei ist.

Isemarkt oder Umweg? Wie sich Vermeidung in den Alltag schleicht

Unter der Hochbahn am Isemarkt bin ich früher lieber einen Umweg gegangen. Die Pflastersteine dort liegen uneben, und jeder zweite Schritt war eine kleine Rechnung im Kopf: wird das wehtun, muss ich ausweichen, lohnt sich der kürzere Weg das Risiko. Es war nie eine bewusste Entscheidung, nur ein Reflex, der sich über eine lange Zeit eingeschliffen hatte.

Vor Kurzem bin ich einfach hindurchgegangen, ohne die Rechnung im Kopf aufzumachen. Nicht weil der Rücken plötzlich ein anderer wäre, sondern weil ich in diesem Moment schlicht ans Ziel wollte und nicht an die Steine gedacht habe. Danach ist mir aufgefallen, dass genau das Nicht-Denken der eigentliche Unterschied war.

Der Test, den ich mir seitdem selbst stelle, ist einfach: Prüfe ich einen Weg oder eine Bewegung, weil ich weiß, dass sie mir tatsächlich schon einmal wehgetan hat, oder prüfe ich sie, weil ich nur Angst habe, dass sie es könnte? Ersteres ist vernünftige Vorsicht. Zweiteres ist der Käfig, von dem eingangs die Rede war.

Angst vor Bewegung im Alltag: Hände halten ein altes gebundenes Buch in den Gängen einer Hamburger Buchhandlung

Zwei Rücken, zwei Berufe: meine Theke, Birkes Klassenzimmer

Helene, meine Kollegin an der Theke in der Großen Elbstraße, sagt selten viel dazu. Aber sie merkt es, wenn ich nach einer Leiter-Schicht humple, genauso zuverlässig, wie sie jeden Lieferschein im Kopf hat, ohne draufzuschauen. Manchmal reicht ihr Blick, um mir zu zeigen, dass ich wieder in die alte Schonhaltung gerutscht bin.

Birke, eine Leserin, die mir irgendwann geschrieben hat, kennt eine andere Version desselben Musters. Nach zwanzig Jahren vor der Klasse hat ihr Rücken andere Zwangshaltungen gelernt als meiner an der Kasse, aber die Angst, die daraus wurde, klingt in ihren Nachrichten fast identisch zu meiner eigenen. Auf meine Antworten antwortet sie manchmal erst Wochen später, als bräuchte auch das Nachdenken über den eigenen Rücken seine eigene Zeit.

Zwei Berufe, zwei Rücken, zwei völlig unterschiedliche Belastungsmuster: Wer im Verkauf lange steht, braucht andere Übungen als jemand, der ständig zwischen Stehen und Bücken wechselt, dazu habe ich an anderer Stelle mehr geschrieben. Und warum der untere Rücken im Alltag überhaupt so viel abbekommt, gerade unter Stress, ist wieder eine eigene Geschichte für sich.

Was am Iliosakralgelenk zieht, wenn man sich jahrelang schont, ist ein eigenes Thema, das ich hier nicht aufmachen will, genauso wie die Frage, was gezieltes Faszientraining an chronischer Verspannung wirklich verändert. Beides verdient mehr Platz, als ich ihm in einem Text über Angst vor Bewegung geben kann.

Meine kurze Morgenrunde zwischen dem Regal mit den Klassikern und dem Küchentisch beschreibe ich an anderer Stelle genauer, hier reicht das Bild: die Matte liegt zusammengerollt griffbereit, nah genug am Fenster, dass ich bei klarem Himmel einen schmalen hellen Streifen der Elbe sehe, wenn ich mich nach der Übung aufrichte, und dabei geht es nie nur um den Rücken, sondern um die Verbindung zwischen Körper und Geist, so pathetisch das klingt. Der Wasserkocher klickt oft genau in dem Moment, in dem ich eigentlich keine Zeit mehr habe, und trotzdem ist es meistens dieser Klick, der mich die Matte doch noch ausrollen lässt, statt sie liegen zu lassen. Mein Leinen-Heft, so eine Art Selbsthilfe-Tagebuch ohne Anspruch auf Vollständigkeit, landet direkt daneben auf dem Tisch.

Zwischendurch, beim Neusortieren der Fächer oder auf dem Weg zur Arbeit, höre ich oft in Phaenomen Leben hinein, reines Zuhören, kein Körperteil, kein konkretes How-to, aber genau der Teil, der bei mir am längsten gebraucht hat: den Kopf von der Erwartung von Schmerz wegzubekommen.

Selbsthilfe-Tagebuch am Feierabend: Blick aus dem Altonaer Fenster auf Hafenkräne bei Sonnenuntergang, mit Tee und Büchern

Wann Vermeidung sinnvoll ist, und wann sie nur noch Angst füttert

Nicht jede Vorsicht ist Angst vor Bewegung. Wenn ein Arzt oder eine Physiotherapeutin dir sagt, eine bestimmte Bewegung im Moment zu lassen, ist das eine begründete Entscheidung, keine Vermeidung. Der Unterschied zeigt sich daran, ob die Grenze von außen kommt, mit einem Grund, der sich erklären lässt, oder ob sie nur noch aus dem eigenen Bauch kommt, ohne dass sie zuletzt irgendwer geprüft hat.

Der Unterschied zwischen guter Vorsicht und Vermeidung beschäftigt mich auch dort, wo Kundinnen zwischen Wirbelsäulentherapie und klassischer Physiotherapie schwanken. Die Antwort auf die Frage, ob das eine das andere ersetzen kann, ist nein, aber warum, das habe ich an anderer Stelle ausführlicher aufgeschrieben, falls dich interessiert, warum klassische Physiotherapie manchmal an ihre Grenzen stößt und wo sie anfängt, wieder wichtig zu werden.

Wenn du selbst nicht mehr weißt, welche der beiden Stimmen gerade spricht, ist das ein guter Moment für eine Fachperson, keine Onlinekurs-Empfehlung von mir. Ich bin Buchhändlerin, keine Physiotherapeutin, und bei anhaltenden oder starken Schmerzen gehört der erste Weg zum Arzt oder zur Physiotherapie, nicht auf eine Matte zwischen Regal und Küchentisch.

Falls sich dein eigener Körper gerade fremd anfühlt, weil die Angst schneller ist als jede Bewegung, kann ich dir Phaenomen Leben [Weite] ehrlich empfehlen, nicht als schnelle Lösung, sondern als etwas, das du dir Stück für Stück erarbeitest, so wie ich.

Alles Liebe aus Altona,
Jana

Bitte beachten: Hier auf der Seite teile ich, was ich selbst durchgemacht habe -- kein medizinischer, finanzieller oder rechtlicher Ratschlag. Was bei mir funktioniert hat, muss bei dir nicht funktionieren. Sprich mit deinem Arzt, Steuerberater oder Anwalt, bevor du Entscheidungen triffst, die wirklich zählen.

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