
Sonntagabend in Altona. Der Wasserkocher hat gerade aufgehört zu pfeifen, und draußen über der Elbe hängen diese schweren, lila-grauen Wolken, die typisch sind für einen Hamburger Frühsommerabend. Blasius, mein schwarzer Kater, hat es sich bereits auf der zusammengerollten Matte bequem gemacht, die zwischen dem Küchentisch und dem Regal mit den Klassikern klemmt. Ich streiche mit den Fingern über das raue Leinen meines Notizbuchs, das ich seit März 2024 jeden Sonntagabend fülle. Der Geruch von altem Papier vermischt sich mit dem Duft meines Tees. Es ist Woche 116, wenn man so will, seit ich angefangen habe, meinen Rücken nicht mehr als Feind, sondern als ein ziemlich komplexes Manuskript zu betrachten, das einfach nur eine bessere Lektorat-Arbeit braucht.
Heute, am 2. Juni 2026, blicke ich zurück auf eine Woche, die sich anfühlte wie ein dicker Wälzer von Hanser – gehaltvoll, anstrengend, aber am Ende lohnenswert. In der Buchhandlung in der Großen Elbstraße war viel los. Die neuen Sommerkataloge sind da, und das bedeutet: Kisten schleppen, Stapel im Lager umschichten und natürlich diese 36 Stunden pro Woche auf den Beinen. Vier Tage, neun Stunden pro Tag. Mein unterer Rücken, dieser alte Bekannte, der seit 2022 mal mehr, mal weniger lautstark protestiert, hat sich am Mittwoch wieder gemeldet. Es war dieser Moment auf der Leiter, als ich mich nach einem Bildband im obersten Regal streckte. Ein vertrauter, ziehender Schmerz, fast wie ein ungebetener Stammgast, der kurz vor Ladenschluss noch eine komplizierte Bestellung aufgeben will.
Der ungebetene Gast zwischen den Buchrücken
Wenn man neun Jahre lang Buchhändlerin ist, lernt man, den Körper zu ignorieren. Man funktioniert. Man kennt jeden Stammkunden, weiß, welche Frau jeden Donnerstag nach diesem einen speziellen Doppelgänger-Band sucht, und man ignoriert das Ziehen im Lendenwirbelbereich, während man den Bücherwagen über die alte Waagenwippe in der Auslage schiebt. Aber irgendwann reicht das Ignorieren nicht mehr. Meine klassische Physiotherapie stieß 2023 an ihre Grenzen. Es wurde gedehnt, massiert, geknetet – und zwei Tage später war alles wieder fest. Es war frustrierend.
Erst als ich anfing, mich intensiver mit der Wirbelsäulentherapie zu beschäftigen, verstand ich, dass mein Rücken kein statisches Gerüst ist, das man einfach nur 'gerade rücken' muss. Da sind diese 33 Wirbel, die sich wie eine perlenbesetzte Kette durch mein Leben ziehen. Und da ist das Bindegewebe, die Faszien, die alles zusammenhalten – oder eben verkleben, wenn man zu lange in der immer gleichen Position an der Kasse steht oder schwere Kisten aus dem Transporter hievt. Ich bin keine Ärztin und keine Physiotherapeutin, das möchte ich hier ganz klar sagen. Bevor ich meine erste Übung auf der Matte machte, war ich beim Orthopäden, um sicherzugehen, dass nichts 'kaputt' ist. Das würde ich auch jedem raten: Erst abklären, dann loslegen.

Faszien sind kein Teig, den man einfach ausrollt
Lange Zeit dachte ich, Faszientraining bedeutet einfach, sich auf eine harte Rolle zu legen und so lange hin und her zu rutschen, bis es nicht mehr ganz so schlimm weh tut. Wie ein Pizzateig, den man mit Gewalt plattwalzt. Aber in den letzten Monaten, besonders seit jenem verregneten Sonntagabend im Mai, habe ich eine andere Perspektive gewonnen. In meinem Leinen-Heft steht unter dem 17. Mai: 'Weniger Rollen, mehr Bewegen'.
Der Clou, den ich durch die Wirbelsäulentherapie gelernt habe, ist, die Faszienrolle oder den Ball nicht nur als Entspannungswerkzeug zu nutzen. Stattdessen setze ich sie als eine Art Kraftwerkzeug ein. Ich nutze den punktuellen Druck, um die tiefliegende Muskulatur meiner Wirbelsäule überhaupt erst wieder ansprechbar zu machen. Es geht nicht um das passive Drüberrutschen. Es geht darum, auf dem Schmerzpunkt zu verharren und dann ganz kleine, mikroskopische Bewegungen mit dem Becken oder den Schultern zu machen. Es ist eine aktive Mobilisierung. Wenn die Faszienrolle genau den verhärteten Punkt neben der Lendenwirbelsäule trifft, gibt es oft dieses tiefe, fast befreiende Seufzen meines Gewebes. Als würde eine alte, festgerostete Tür im Keller meiner Wirbelsäule zum ersten Mal seit Jahren wieder geölt.
Besonders die thorakolumbale Faszie – das ist diese riesige Bindegewebsplatte im unteren Rücken – braucht diese Aufmerksamkeit. Im Buchhandel ist das unser Hauptakteur. Alles, was wir heben, jede Drehung zum Kunden, geht über diese Struktur. Wenn die verklebt, fühlt sich der ganze Rücken an wie ein zu eng gebundenes Buch, das man nicht mehr richtig aufschlagen kann.
Ein Winter und ein Frühling auf der Matte
Ein Blick zurück in mein Heft zeigt mir die Etappen. Mitte Dezember 2025, als das Weihnachtsgeschäft in der Großen Elbstraße auf dem Höhepunkt war, notierte ich: 'Rücken hält stand. Trotz 10 Stunden Schichten. Morgens 10 Minuten Matte retten mir den Tag.' Es ist faszinierend, wie sich das Körpergefühl über die Zeit verändert. Ende März 2024 hatte ich angefangen, und jetzt, über zwei Jahre später, ist die Wirbelsäulentherapie so sehr Teil meines Alltags wie der erste Kaffee am Morgen.
Ich benutze meine 183 cm lange Gymnastikmatte mittlerweile fast blind. Sie liegt oft schon bereit, wenn ich nach Hause komme. Manchmal schaffe ich es nicht morgens, dann wird es eben der späte Abend. Und ja, es gibt Wochen, in denen gar nichts passiert. Ende März 2026 zum Beispiel. Eine Grippe hat mich flachgelegt, und danach war der Rhythmus raus. Im Heft steht da nur eine leere Seite mit einem Kaffeefleck. Das gehört dazu. Es gibt kein Allheilmittel und keine Wunderheilung über Nacht. Es ist eine Praxis, ein ständiges Editieren der eigenen Gewohnheiten.
In solchen Phasen hilft es mir, mich an frühere Notizen zu erinnern. Zum Beispiel an meine Texte über das Ischiasnerv dehnen und entlasten, als ich lernte, wie wichtig es ist, den Schmerz nicht wegzudrücken, sondern ihn als Signal zu verstehen. Die Faszienarbeit im Alltag ist für mich heute kein Pflichtprogramm mehr, sondern eine Form der Selbstfürsorge, die mich davor bewahrt, wieder in die Starre von 2022 zu verfallen.

Die kleinen Momente der Mobilisierung
Was ich an der Wirbelsäulentherapie so schätze, ist, dass ich sie in meinen Buchhandels-Alltag integrieren kann. Wenn ich im Lager stehe und auf eine Lieferung vom Hanser-Verlag warte, mache ich manchmal ganz unauffällige Bewegungen, die ich auf der Matte gelernt habe. Ich nutze die Kante eines Regals als Widerstand für meine Faszien an den Schulterblättern. Das ist kein Sport, das ist funktionale Wartung meiner 33 Wirbel.
Es ist dieses Bewusstsein dafür, dass chronische Verspannungen oft nur die Summe vieler kleiner Verklebungen sind. Wenn ich sonntags meine Rückenschmerzen im Heft skaliere – von 1 (kaum spürbar) bis 10 (ich brauche Hilfe beim Sockenanziehen) – merke ich, dass ich mich seit Monaten stabil im Bereich von 2 bis 3 bewege. Das ist ein riesiger Sieg. Früher war eine 7 mein Normalzustand. Das ist auch der Grund, warum die Wirbelsäulentherapie Übungen für zuhause bei mir endlich funktionieren: Ich habe aufgehört, nach der einen großen Lösung zu suchen, und angefangen, die kleinen, täglichen Mobilisierungen zu schätzen.
Manchmal sitze ich sonntags einfach nur da und beobachte Blasius, wie er sich auf meiner Matte streckt. Er macht das instinktiv. Er dehnt sich, er räkelte sich, er mobilisiert seine Wirbelsäule nach jedem Schläfchen. Wir Menschen haben das verlernt. Wir sitzen auf harten Stühlen oder stehen starr an Kassenbändern. Das Faszientraining holt uns ein Stück dieser katzenhaften Geschmeidigkeit zurück – oder zumindest die Fähigkeit, sich nach neun Stunden Arbeit nicht wie ein verrostetes Scharnier zu fühlen.
Wenn die Übung im Regal stehen bleibt
Ich möchte ehrlich sein: Es gibt Tage, da hasse ich meine Matte. Da fühlt sich das Faszientraining an wie eine zusätzliche Aufgabe auf einer ohnehin schon zu langen To-Do-Liste. Wenn der Rücken zwickt und der Kopf voll ist mit Bestellungen und Reklamationen, ist die Versuchung groß, sich einfach nur mit einer Wärmflasche auf das Sofa zu legen. Und manchmal mache ich genau das. Aber mein Leinen-Heft ist ein unbestechlicher Zeuge. Wenn ich montags sehe, dass ich die ganze Vorwoche geschwänzt habe, merke ich es meistens auch körperlich. Der Rücken wird 'lauter'.
Faszientraining ist kein Projekt, das man irgendwann abschließt. Es ist eher wie eine Bibliothek, die ständig gepflegt werden muss. Neue Bücher kommen rein, alte müssen abgestaubt werden. Mein Rücken ist dieses Gebäude, in dem ich lebe. Und die Faszienarbeit ist der Hausmeister, der dafür sorgt, dass die Leitungen nicht verstopfen. Es ist eine langsame Arbeit. Warm, manchmal schmerzhaft, aber immer ehrlich.
Jetzt klappe ich mein Heft für heute zu. Die Elbe ist inzwischen fast schwarz, und die Lichter der Hafenkräne spiegeln sich im Wasser. Morgen früh werde ich wieder zehn Minuten auf der 183 cm Matte verbringen, bevor ich mich auf den Weg in die Große Elbstraße mache. Vielleicht kommt die Frau mit dem Doppelgänger-Band ja morgen wieder. Ich werde bereit sein – mit einem Rücken, der sich ein kleines bisschen freier anfühlt als noch vor zwei Jahren.