
Drei Monate Physiotherapie mit Wärmepflastern und denselben zehn Standardübungen haben meinem unteren Rücken weniger gebracht, als es die Wirbelsäulentherapie [Mein Einstieg] in den ersten Wochen tat. Falls du gerade selbst versuchst, chronische Rückenschmerzen zu lindern, kennst du das Gefühl vielleicht: Termine, die nie zu den eigenen Schichten passen, ein kurzes Kneten, das gerade bis zur nächsten S-Bahn-Station hält und dann wieder verschwindet.
Kurzer Hinweis, bevor ich weiterschreibe: Ein paar der Links hier sind Affiliate-Links. Buchst du darüber einen Kurs, bekomme ich eine kleine Provision, ohne dass es für dich teurer wird. Was hier steht, sind Dinge aus meinem eigenen Leinen-Heft, keine Bestellung von einer Redaktion. Die vollständige Offenlegung steht unten.
Neun Jahre stehe ich inzwischen an der Theke der kleinen Buchhandlung in der Großen Elbstraße, hier in Hamburg-Altona, vier Tage die Woche, meistens neun Stunden am Stück. Wer so lange auf denselben paar Quadratmetern steht, merkt irgendwann, dass der Rücken anfängt, für einen mitzudenken, schlecht gelaunt, aber ziemlich zuverlässig. Ronja, eine Freundin, hat mir im März 2024 von der Wirbelsäulentherapie erzählt, nachdem sie selbst lange mit den Hüften gerungen hatte. Sie fragt bis heute nie, ob es besser wird. Sie fragt, was ich diese Woche gemacht habe.
Buchhändler-Alltag an der Kasse: das Ziehen im Kreuz
Am Kassenband merkt man als Erste, wenn der Rücken nicht mitspielt. Man hebt Wechselgeld aus der Schublade, dreht sich zur Tüten-Ablage, streckt sich nach dem obersten Fach mit den Lesezeichen, kleine Bewegungen, die sich über Stunden zu etwas Großem summieren. Es gibt eigene Übungen, die genau für langes Stehen im Verkauf gedacht sind, aber die spare ich mir für ein andermal auf. Hier geht es um die Wirbelsäulentherapie selbst, nicht um jede einzelne Variante davon.

Was mich am Anfang stutzig gemacht hat: Die Wirbelsäulentherapie erklärt nicht groß die Anatomie dahinter. Sie folgt eher einem einfachen Grundgedanken, kleine, wiederholte Bewegungsimpulse statt seltener, großer Anstrengung, und lässt einen selbst herausfinden, wie sich das im eigenen Alltag anfühlt. Genau das hat mich überzeugt, nachdem die Standard-Physiotherapie-Übungen bei mir nichts hinterlassen hatten außer einem Kalender voller durchgestrichener Termine.
Was Ronja fragt, wenn sie anruft
Letzte Woche rief Ronja an, während ich gerade Remittenden für den Rückversand sortierte. Sie hat nicht gefragt, ob der Rücken schon besser ist. Sie wollte wissen, was ich diese Woche gemacht habe, als wäre die Übung selbst wichtiger als das Ergebnis. Ich musste zugeben, dass ich in der fünften Woche die Matte drei Tage hintereinander gar nicht ausgerollt hatte, weil das Schaufenster komplett neu bestückt werden musste und ich abends nur noch aufs Sofa wollte. Sie hat nur gelacht und gesagt, das zähle auch.
Der Alltag zwischen Bücherregal und Küchentisch lässt sich nicht immer nach Plan sortieren. Manchmal schiebt sich der Stress aus dem Laden einfach in den unteren Rücken, ohne dass ich das merke, bis ich abends beim Notieren spüre, wie verspannt die Schultern sind. Wie sich Alltagsdruck ausgerechnet in dieser Zone festsetzt, ist eigentlich ein eigenes Thema, ich streife es hier nur.
Acht Wochen zwischen Bücherregal und Küchentisch
In der achten Woche passierte etwas Kleines am Kassenband, mitten im Kassiervorgang: eine halbe Stunde am Band, Bons getippt, Wechselgeld gezählt, ein Gespräch über den neuen Hanser-Roman, und meine Hüfte kippte kein einziges Mal zur Seite weg. Sonst kenne ich das anders, dieses leichte Ausweichen aufs rechte Bein, wenn links der Rücken zieht. Diesmal nichts dergleichen. Bemerkt habe ich es erst beim Abschließen der Kasse, so beiläufig kam es daher.

Blasius hatte in dieser Woche sowieso wichtigere Dinge zu tun, als sich um meinen Rücken zu kümmern. Er kratzt gern mit den Pfoten auf dem Fensterbrett direkt über der ausgerollten Matte, wenn ich morgens übe, als wollte er mich ans Frühstück erinnern. Ich lasse ihn kratzen und mache trotzdem weiter.
Bewegung bei chronischen Rückenschmerzen
Diese Frage stelle ich mir selbst regelmäßig, vor allem an Tagen, an denen ich lieber schonen würde, statt an die eigene Körper-Mitte zu denken. Die Antwort, die ich für mich gefunden habe, deckt sich mit dem, was internationale Leitlinien zu nicht-spezifischen, chronischen Kreuzschmerzen sagen: Schonung ist nicht der empfohlene Weg. Aktive Bewegung gilt als die zentrale, evidenzbasierte Maßnahme, nicht als netter Zusatz, sondern als das, worauf es eigentlich ankommt. Das erklärt ziemlich gut, warum drei Monate reines Abwarten und Wärmepflaster bei mir nichts verändert hatten.
Zehn Minuten am Morgen reichen dafür meistens aus, bevor das erste Buch in die Hand genommen wird. Es gibt ganze Morgenroutinen, die genau auf diese knappe Zeit und wenig Platz zugeschnitten sind, dazu schreibe ich ein andermal mehr. Hier bleibt es bei den zehn Minuten, die bei mir zwischen Bücherregal und Küchentisch passen.
Solveig sucht nach Farbe, ich aber nach Ruhe im Rücken
Solveig, eine Stammkundin, die alle zwei Donnerstage vorbeikommt, sucht ihre Bücher grundsätzlich nach der Farbe des Umschlags aus, nie nach dem Klappentext. Neulich stand sie am Tisch mit den Neuerscheinungen, wog zwei fast identisch blaue Cover gegeneinander ab und fragte nebenbei, ob die Übungen aus meinem Sonntagsheft eigentlich auch für Leute funktionieren, die den ganzen Tag am Schreibtisch sitzen statt zu stehen. Ich habe ihr gesagt, dass ich das nicht wirklich beurteilen kann, mein Rücken kennt nur die stehende Version des Problems.
Mittlerweile weiß ich, dass auch die Faszien im unteren Rücken bei alldem kräftig mitreden, auch wenn ich hier nicht im Detail erkläre, wie genau. Das würde diesen Eintrag sprengen und gehört eigentlich in ein eigenes Kapitel meines Heftes.

Abends, wenn der Laden zu ist, trete ich manchmal kurz auf den schmalen Altonaer Balkon mit Blick auf die Elbe, nur um den Kopf freizubekommen, bevor ich das Heft aufschlage. Der Fluss liegt dann meistens ruhig da, ein paar Lichter von Fähren, die rüber nach Övelgönne tuckern. Länger als fünf Minuten halte ich es draußen selten aus, aber es reicht, um den Tag hinter mir zu lassen.
Natürlich ersetzt so ein Kurs keinen Besuch beim Orthopäden, das will ich hier nicht kleinreden. Bei akuten oder plötzlich auftretenden Schmerzen sollte immer zuerst ein Arzt draufschauen, bevor überhaupt eine Matte ausgerollt wird. Das gilt besonders, wenn du überlegst, wie du Rückenschmerzen bei der Hausarbeit vermeiden kannst, oder wenn dein Job schweres Heben mit sich bringt.
Rückenschmerzen lindern heißt für mich: die stillen Tage zählen
Im Buchhandel lernt man, Klappentexte zu misstrauen, die zu viel versprechen. Die Wirbelsäulentherapie nach RaGarve hat für mich nie behauptet, in drei Tagen zu heilen, was über neun Jahre an der Theke gewachsen ist. Sie arbeitet an der Wirbelsäule auf eine Art, die tiefer geht als reines Muskeltraining, ohne dabei laut zu werden.
Besonders nach den vollen Tagen mit Touristenandrang habe ich gemerkt, wie sich das im Alltag zeigt. Früher wäre ich abends nur noch steif gewesen wie ein Brett aus dem Lager. Heute kenne ich die kleinen Handgriffe, die mir helfen, die steife Wirbelsäule nach einem langen Arbeitstag wieder zu lockern.
Sonntags höre ich inzwischen ab und zu auch in Phaenomen Leben [Weite] hinein, meist während das Heft schon aufgeschlagen vor mir liegt. Es sind keine Übungen im klassischen Sinn, eher etwas fürs Gemüt, während ich nach draußen schaue. Es hilft, die Woche nicht mit in den Montag zu schleppen.
Geblieben ist von den acht Wochen keine große Erleuchtung, sondern eine kleine Verschiebung: Ich messe meinen Fortschritt nicht mehr an einem Tag, an dem alles endlich weg ist, sondern an gewöhnlichen halben Stunden am Kassenband, die einfach nichts Besonderes mehr sind. Das ist die eine Lehre, die aus dem Heft hängen bleibt, nicht auf den großen Durchbruch warten, sondern die stillen, unauffälligen Tage zählen.
Falls du selbst überlegst, ob ein Blick in die Wirbelsäulentherapie etwas für dich wäre: Schau, was zu deinem Alltag passt, und fang langsam an, vielleicht mit einem eigenen Heft, um festzuhalten, was sich verändert und was nicht. Ehrlich zu sich selbst zu sein gehört dazu, auch an den Tagen, an denen die Matte eingerollt bleibt. Und ob das bei dir funktioniert, hängt oft davon ab, warum die Übungen für zuhause bei mir endlich funktionieren, nämlich an der Regelmäßigkeit, nicht an der Perfektion.
Gute Nacht aus Altona.