
Der Abend in Altona ist heute von einer fast unwirklichen Stille geprägt, nur das ferne Horn eines Schiffes dringt durch das offene Küchenfenster. Ich sitze hier, das Leinen-Heft aufgeschlagen, und beobachte Blasius, wie er sich mit einer Eleganz streckt, um die ich ihn beneide. Er braucht keine Anleitung für seine Wirbelsäule, er ist Bewegung in Reinform. Bei mir sieht das anders aus, vor allem nach einer Woche, in der die Herbst-Vorschauen als tonnenschwere Realität in der Großen Elbstraße einschlugen. Es ist jetzt Mitte Juni 2026, und wenn ich auf die letzten zwei Jahre zurückblicke, ist das Heben von Kartons nicht mehr das Schreckgespenst, das es einmal war.
Wenn die Literatur schwerer wiegt als gedacht
Wer in einer Buchhandlung arbeitet, verbringt die meiste Zeit nicht mit dem Lesen, sondern mit Logistik. Letzten Mittwoch kam die große Lieferung vom Hanser-Verlag – fünfzehn Kartons, jeder so schwer, dass man meint, sie hätten Bleisatzplatten statt Papier eingepackt. Früher hätte ich beim Anblick dieser Stapel im Lager sofort einen Fluchtimpuls gespürt. Mein unterer Rücken, dieses ziehende Etwas, das mich seit 2022 begleitet, hätte schon beim ersten Griff nach der Paketkordel protestiert. Man unterschätzt, was es bedeutet, neun Stunden lang zwischen Theke, Leiter und Auslage zu balancieren, während man gleichzeitig versucht, einer Kundin den Unterschied zwischen zwei verschiedenen Übersetzungen von Virginia Woolf zu erklären.
In meinen ersten Jahren nach dem abgebrochenen Germanistik-Studium habe ich einfach gewuchtet. Ich dachte, ich sei jung und belastbar. Ich habe die Kartons mit rundem Rücken aus dem Lieferwagen gezerrt, sie mit einer ruckartigen Drehung auf den Bücherwagen gehievt und mich gewundert, warum ich abends kaum noch vom Sofa hochkam. Es war ein schleichender Prozess, bis aus dem gelegentlichen Ziehen ein konstanter Begleiter wurde. Ich erinnere mich an einen Tag im Lager, es muss Ende 2023 gewesen sein, als ich eine Kiste mit Bildbänden heben wollte und mein Rücken sich anfühlte wie ein überdehntes Gummiband, das kurz vor dem Reißen steht. In diesem Moment wurde mir klar, dass „einfach weitermachen“ keine Strategie mehr war.

Die Falle der Roboter-Haltung
Als ich im März 2024 durch eine Freundin auf Reichls Wirbelsäulentherapie stieß, hatte ich schon alles durch. Von klassischen Massagen bis hin zu Übungen, die mir ein Physiotherapeut auf einem kopierten Zettel mitgegeben hatte. Das Problem war oft: Ich sollte mich beim Heben wie ein Roboter verhalten. Rücken gerade, Knie beugen, bloß keine Rotation. Aber haben Sie schon mal versucht, in einem engen Lagerraum zwischen zwei vollgestopften Regalen einen Karton zu bewegen, ohne sich zu drehen? Das ist in der Theorie schön, in der Praxis der Großen Elbstraße aber völlig unrealistisch. Es führt nur dazu, dass man sich versteift, und genau diese Steifheit ist es, die den Schmerz oft erst recht befeuert.
Ich bin keine Physiotherapeutin und gewiss keine medizinische Expertin, aber was ich in den letzten zwei Jahren gelernt habe, ist die Bedeutung einer elastischen Mitte. Anstatt die Wirbelsäule beim Heben wie einen Besenstiel einzufrieren, geht es in der Therapie darum, die tiefe Stabilität zu finden, die Bewegung zulässt. Es ist fast so, als würde man lernen, die Kraft nicht aus den Muskeln der Oberfläche zu holen, sondern aus einer inneren Bereitschaft. Wenn ich heute vor einem Stapel Rückläufer stehe, atme ich erst einmal tief in den Bauchraum. Ich aktiviere meine Mitte, so wie ich es sonntags hier auf meiner Matte übe, und lasse die Bewegung fließen. Es ist kein statisches „Heben“, es ist ein dynamischer Prozess.
Oft hilft mir dabei das Wissen aus den Audio-Kursen, die ich manchmal morgens beim ersten Kaffee höre. Es geht nicht um Perfektion. Es geht darum, ein Gespür dafür zu bekommen, was im Kreuz passiert, wenn die Last des Kartons auf die Wirbelsäule trifft. Manchmal merke ich nach einem langen Tag, dass mein Rücken sich wieder fest anfühlt. Dann frage ich mich, was hilft gegen eine steife Wirbelsäule nach einem langen Arbeitstag, und finde die Antwort meistens in den kleinen Rotationen, die ich früher strikt vermieden hätte. Es ist ein Paradox: Die Bewegung, vor der ich Angst hatte, ist oft genau das, was mich rettet.
Mein kleiner Sieg im Lager
Ein konkreter Moment aus der letzten Mai-Woche ist mir besonders im Gedächtnis geblieben. Eine Stammkundin, die jeden Donnerstag nach einem ganz bestimmten Doppelgänger-Roman sucht, stand vorne im Laden, während ich hinten im Lager versuchte, Platz für die neue Lyrik-Abteilung zu schaffen. Ich musste schwere Stapel von der untersten Regalebene in die oberste wuchten – eine klassische Situation für einen Hexenschuss. Ich spürte kurz das alte Zögern. Mein Kopf sagte: „Vorsicht, das geht schief.“ Aber mein Körper erinnerte sich an die Übungen zur Wirbelsäulentherapie.
Ich ging nicht einfach nur in die Knie. Ich suchte die Verbindung zum Boden, spürte meine Füße fest auf dem Betonboden des Lagers und hob die Bücher mit einer Kraft, die sich anfühlte, als käme sie direkt aus meinem Becken. Kein Reißen, kein Stechen. Als ich fertig war, stand ich da, umgeben vom Geruch nach altem Papier und frischer Druckerschwärze, und war einfach nur dankbar. Es war kein Wunder, es war das Resultat von Monaten, in denen ich gelernt habe, meinen Körper nicht mehr als Feind zu betrachten, den man bändigen muss, sondern als ein System, das Vertrauen braucht.

Warum es manchmal trotzdem nicht klappt
Ich will hier nichts beschönigen. Es gibt Sonntage, wie den vor zwei Wochen, da bleibt die Matte eingerollt. Da war der Laden so voll, die Kunden so anstrengend und der Regen in Hamburg so unerbittlich, dass ich mich einfach nur mit einem Roman von Elizabeth Strout und einer Wärmflasche verkrochen habe. An solchen Tagen fühlt sich mein Rücken wieder schwer an, fast so, als hätte ich all die Fortschritte der letzten Monate vergessen. Das ist der Moment, in dem der Frust hochkommt. Man denkt: „Warum mache ich das alles, wenn es doch wieder wehtut?“
Aber genau das ist der Punkt. Die Wirbelsäulentherapie ist kein Allheilmittel, das man einmal schluckt und dann ist alles gut. Es ist eher wie das Sortieren eines ungeordneten Regals. Man muss immer wieder ran. Ich habe gelernt, dass eine schlechte Woche nicht bedeutet, dass der Weg falsch ist. Wenn ich merke, dass ich wieder in alte Muster verfalle – zum Beispiel beim Gehen zur Arbeit die Schultern hochziehe und das Becken festmache –, versuche ich, mich an die bessere Haltung beim Gehen zur Entlastung der Lendenwirbelsäule im Alltag zu erinnern, über die ich mir früher nie Gedanken gemacht hätte. Es sind diese kleinen Korrekturen im Vorbeigehen, die den Unterschied machen, nicht die eine perfekte Übung am Sonntagmorgen.
Natürlich ersetzt mein Tagebuch hier keinen Besuch beim Fachmann. Wenn du merkst, dass der Schmerz ausstrahlt oder du Taubheitsgefühle hast, solltest du unbedingt zu einem Orthopäden gehen. Ich erzähle hier nur von meiner Reise als Buchhändlerin, die versucht, zwischen Hardcovern und Taschenbüchern aufrecht zu bleiben. Manchmal ist der Unterschied zwischen Wirbelsäulentherapie oder Physiotherapie bei chronischen Schmerzen im Kreuz auch einfach eine Frage der persönlichen Resonanz – bei mir war es der ganzheitliche Ansatz von Reichl, der endlich etwas in Bewegung gesetzt hat.

Die Rolle der inneren Mitte beim Heben
Was bedeutet das eigentlich konkret – „aus der Mitte heben“? Wenn ich heute an der Theke stehe und ein schweres Paket für einen Kunden einpacke, stelle ich mir vor, dass meine Wirbelsäule eine elastische Feder ist. Ich versuche, die Spannung nicht im unteren Rücken zu halten, sondern sie über die gesamte Kette zu verteilen. Das klingt jetzt vielleicht etwas esoterisch, aber für mich als jemand, der Germanistik studiert hat, ist es eher eine Frage der Körper-Grammatik. Man lernt, die Sätze seines Körpers neu zu strukturieren.
Früher war mein „Heben-Satz“ voller Fehler und falscher Betonungen. Heute achte ich darauf, dass die Kraft aus den Beinen kommt und das Kreuzbein stabil, aber nicht starr bleibt. Es ist ein Gefühl von Präsenz. Wenn ich einen Stapel Bücher trage, bin ich ganz bei dieser Bewegung. Ich merke sofort, wenn ich anfange zu schlampen, wenn ich das Gewicht einseitig auf die Hüfte verlagere, weil ich mal wieder zu schnell sein will. Dann halte ich kurz inne. Ein Atemzug, die Wirbelsäule einmal kurz „auspendeln“ lassen, und weiter geht’s.
Gestern kam die Frau, die immer diesen Doppelgänger-Band sucht. Sie fragte mich, wie ich es schaffe, den ganzen Tag so ruhig hinter der Theke zu stehen, während sie selbst kaum zehn Minuten im Laden verweilen kann, ohne dass ihr der Rücken wehtut. Ich habe ihr von meiner Matte erzählt, von Blasius und von der Erkenntnis, dass man dem Körper Zeit geben muss. Wir haben sicher eine halbe Stunde über Romane und Bandscheiben gesprochen. Es war einer dieser Momente, in denen ich wusste, warum ich diesen Job trotz der körperlichen Belastung so liebe.
Feierabend in Altona
Der Wasserkocher pfeift in der Küche. Zeit für den Tee. Blasius hat sich mittlerweile auf mein Leinen-Heft gelegt, als wollte er sagen: „Genug geschrieben für heute.“ Die Woche war hart, die nächste wird sicher nicht leichter, aber das ist okay. Ich habe keine Angst mehr vor dem nächsten schweren Karton, der vor der Ladentür landet. Ich weiß jetzt, dass ich Werkzeuge habe, um damit umzugehen.
Es geht nicht darum, schmerzfrei zu werden, indem man sich schont. Es geht darum, stark zu werden, indem man sich bewegt. Und wenn ich morgen früh wieder auf der Leiter stehe, um die obersten Regale zu entstauben, werde ich kurz an diesen Sonntagabend denken, an die Stille in Altona und an das feste Gefühl in meiner Mitte. Es ist ein langer Weg, aber jeder Schritt zählt – auch wenn man zwischendurch mal stolpert oder die Matte eine Woche lang im Staub liegen lässt.