Heben ohne Angst: Meine Erfahrungen als Buchhändlerin zwischen Bücherstapeln und Kreuzschmerzen

Letzte Änderung

Der Karton kippt mir schon halb aus den Armen, als ich merke, dass mein Rücken dabei vollkommen still bleibt, kein Ziehen, kein Warnsignal, nichts von dem, was ich früher bei jedem zweiten Griff im Lager gespürt habe. Genau in diesem Moment wird mir klar, wie viel Unsinn über richtiges Heben bei Rückenschmerzen im Umlauf ist, gerade unter Leuten, die wie ich den ganzen Tag zwischen Theke, Leiter und Bücherwagen unterwegs sind. Der Buchhandel-Alltag in der Großen Elbstraße besteht aus Papier, das schwerer wiegt, als es aussieht, und aus einem Rücken, der sich das nicht widerspruchslos gefallen lässt.

Der Mythos vom immer geraden Rücken

Wer in einer Rückenschule war oder auch nur ein Erklärvideo dazu gesehen hat, kennt die Regel: Knie beugen, Rücken kerzengerade halten, niemals drehen. Diese Regel klingt vernünftig, solange man sie auf einem freien Platz übt. Zwischen zwei vollgestopften Regalen im Lager, mit einer Kundin, die vorne nach dem immer gleichen Doppelgänger-Roman fragt, und einem Karton, der ungünstig in der Ecke steht, ist diese perfekte Haltung meistens gar nicht herstellbar. Man dreht sich, man beugt sich schräg, man hält den Karton mit einer Hand fest, während die andere nach dem Lichtschalter tastet. Die Vorstellung, es gäbe eine einzige richtige Bewegung, macht aus dem Heben eine Prüfung, die man bestehen oder durchfallen kann – und genau das verkrampft mehr, als es hilft.

Was mir inzwischen wichtiger ist als die Lehrbuch-Haltung: ob ich mich beim Heben verkrampfen muss, um den Karton überhaupt zu halten. Wenn ja, teile ich die Last, hole mir Hilfe oder setze den Karton kurz ab und greife neu, statt mitten in der Drehung noch die perfekte Form zu erzwingen. Wenn nein, ist die Bewegung meistens in Ordnung, auch wenn sie nicht aussieht wie auf dem Poster in der Umkleide.

Stapel schwerer Bücherkartons im Lagerraum einer Buchhandlung, bereit zum richtigen Heben ohne Rückenschmerzen

Was passiert, wenn das Lehrbuch fürs Heben nicht zum Lagerraum passt?

Genau diese Lehrbuch-Haltung stand auch in einer Broschüre, die mir mal jemand in die Hand gedrückt hat: Strichmännchen, die exakt vorgeben, wie der Rücken beim Heben auszusehen hat. Keine Broschüre beschreibt aber, was passiert, wenn der Bücherwagen quietschend gegen ein Regalbein stößt, während man den Karton schon in der Luft hat, oder wenn die Auslage vorne wackelt und man gleichzeitig balancieren muss. Der Lagerraum in der Großen Elbstraße ist eng, uneben und voller Kanten – die Realität lässt sich nicht auf ein Strichmännchen reduzieren.

Was in der Theorie fehlt, ist die Frage, wie man reagiert, wenn die perfekte Haltung gerade nicht möglich ist. Genau da hilft es, sich nicht zu versteifen, sobald eine Bewegung vom Bilderbuch abweicht. Ich habe irgendwann aufgehört, jede Drehung als Fehler zu werten, und stattdessen angefangen, auf die Anspannung selbst zu achten: Bleibt sie im unteren Rücken hängen, oder verteilt sie sich über Beine, Becken und Bauch? Diese Frage stelle ich mir inzwischen öfter als die nach der korrekten Haltung. Wenn ich nach einem langen Neun-Stunden-Tag merke, dass sich hinterher alles wieder verspannt, frage ich mich manchmal, was gegen eine steife Wirbelsäule nach einem langen Arbeitstag wirklich hilft, und lande meistens bei denselben zwei, drei Bewegungen.

Der Bewegung wieder vertrauen

Neulich, nach einer halben Stunde am Kassenband, ist mir aufgefallen, dass meine Hüfte kein einziges Mal schräg gestanden hat – nicht einmal, als ich mich nach der Wechselgeld-Schublade gebückt habe. Kein Auffangen, kein kurzes Ausweichen zur Seite, einfach nur stehen, greifen, tippen, ohne dass sich irgendetwas gemeldet hat.

Helene, die neben mir an der Theke steht und ihre Pausen fast ausschließlich mit skandinavischen Übersetzungen verbringt, hat davon nichts mitbekommen – sonst hätte sie es garantiert kommentiert. Früher hat sie öfter mal die Augenbraue gehoben, wenn ich nach einer Leiterschicht seitlich humpelnd zur Kasse kam. Das kommt inzwischen seltener vor.

Was an der Wirbelsäulentherapie selbst dahintersteckt, warum der untere Rücken im Alltag überhaupt so viel Stress abbekommt, oder welche Zehn-Minuten-Routine ich morgens zwischen Regal und Küchentisch mache – das sind eigene Geschichten für ein anderes Heft. Hier geht es nur um den Karton in der Hand und den Moment kurz davor.

Leinen-Heft mit handschriftlichen Notizen zur Wirbelsäulentherapie und zum Rücken-Alltag im Buchhandel

Manche Wochen bleibt die Matte einfach liegen

Nicht jede Woche läuft so glatt. Es gibt Abende, an denen das Leinenheft zugeklappt bleibt und die Matte in ihrer Ecke liegt, ohne dass ich sie auch nur angesehen hätte. Der Laden war zu voll, die Beine zu müde, der Kopf zu sehr bei der nächsten Bestellung aus dem Verlag. An solchen Tagen fühlt sich der Rücken wieder schwerer an, fast so, als würde er nachfragen, wo ich abgeblieben bin.

Bevor ich überhaupt von Wirbelsäulentherapie gehört hatte, habe ich es mit Yoga-Videos von YouTube versucht, ausgerollt auf dem Wohnzimmerboden, immer nach demselben Ablauf von irgendeinem Kanal mit besonders ruhiger Stimme. Es hat nichts verändert. Vielleicht lag es an der Auswahl der Videos, vielleicht daran, dass ich nach zwanzig Minuten Sonnengruß doch wieder in genau dieselbe Sitzhaltung gefallen bin, mit der ich den Tag an der Kasse verbringe. Irgendwann habe ich es sein lassen, ohne das Gefühl, etwas verpasst zu haben.

Wenn ich merke, dass ich in alte Muster zurückfalle, Schultern hoch, Becken fest, schon beim Losgehen zur Arbeit, denke ich inzwischen eher an eine bessere Haltung beim Gehen, die die Lendenwirbelsäule im Alltag entlastet, als an eine neue Video-Playlist.

Ein Leinenheft ersetzt keinen Orthopäden. Wenn der Schmerz bei dir ausstrahlt oder ein Bein taub wird, gehört das in eine Praxis und nicht in ein Wochenprotokoll – das schreibe ich nicht, um mich abzusichern, sondern weil es stimmt.

Zusammengerollte Übungsmatte zwischen Bücherregal und Küchentisch für Rücken- und Mitte-Übungen

Die Mitte trägt mehr als der Rücken allein

An der Theke, mit einem sperrigen Paket in beiden Armen, merke ich am ehesten, ob die Spannung nur im Kreuz sitzt oder sich auf den ganzen Rumpf verteilt. Praktisch heißt das: Bauch, Becken und unterer Rücken arbeiten zusammen, nicht der Rücken allein gegen das Gewicht. Das lässt sich nüchtern trainieren, ohne dass man dafür ein ganzes Weltbild wechseln müsste.

Ob das am Ende mit lockerem Fasziengewebe zu tun hat oder mit besseren Übungen für langes Stehen im Verkauf, kläre ich ein andermal – für heute reicht mir, dass der Karton keine Bedrohung mehr ist.

Der Mythos vom immer geraden Rücken hat einen wahren Kern – eine völlig unkontrollierte, ruckartige Bewegung ist selten klug –, aber als starre Regel passt er kaum in einen echten Lagerraum. Die bessere Frage ist nicht: Sieht meine Haltung aus wie im Lehrbuch? Sondern: Spüre ich eine Anspannung, die sich nicht mehr auflöst, sobald der Karton unten steht? Wenn ja, ändere ich etwas – die Menge, die Pause, die Reihenfolge der Kartons. Wenn nein, vertraue ich der Bewegung, auch wenn sie krumm aussah.

Feierabend in der Großen Elbstraße

Am Freitagabend, wenn der letzte Kunde gegangen ist und der Bücherwagen leer in der Ecke steht, kontrolliere ich kurz, wie sich mein Rücken anfühlt – meistens: unauffällig, was für mich inzwischen das größte Kompliment ist, das ich ihm machen kann.

Welcher Weg am Ende besser passt, Wirbelsäulentherapie oder Physiotherapie bei chronischen Schmerzen im Kreuz, muss jede und jeder selbst herausfinden – bei mir war es keine bewusste Entscheidung gegen das eine oder für das andere, sondern einfach das, was zuerst funktioniert hat.

Das schreibe ich mir heute in mein Leinenheft, auf dem Küchentisch neben der zusammengefalteten Matte, eher als Erinnerung für die nächste Lieferung denn als großes Fazit. Der nächste Karton kommt bestimmt, wahrscheinlich schon mit der Herbstvorschau. Ich habe aufgehört, ihn als Gegner zu behandeln, und frage stattdessen, wie ich ihn an diesem Tag am besten trage – nicht nach Lehrbuch, sondern nach dem, was mein Rücken tatsächlich mitmacht.

Bitte beachten: Ich bin Buchhändlerin, keine Ärztin oder Physiotherapeutin. Was ich hier schreibe, sind meine ganz persönlichen Erfahrungen aus meinem Alltag in Altona. Jeder Körper ist anders. Wenn du starke oder langanhaltende Rückenschmerzen hast, sprich bitte unbedingt mit deinem Hausarzt oder Orthopäden, bevor du neue Übungen oder Therapien ausprobierst.
Bitte beachten: Hier auf der Seite teile ich, was ich selbst durchgemacht habe -- kein medizinischer, finanzieller oder rechtlicher Ratschlag. Was bei mir funktioniert hat, muss bei dir nicht funktionieren. Sprich mit deinem Arzt, Steuerberater oder Anwalt, bevor du Entscheidungen triffst, die wirklich zählen.

Verwandte Artikel