
Der Kugelschreiber kratzt fast leer über die Seite, kurz bevor die Tinte richtig greift. Das Leinen-Heft auf meinem Küchentisch in Altona hat inzwischen so viele Sonntage gesehen, dass sich die Ecken wellen wie ein oft ausgeliehenes Taschenbuch aus unserer Grabbelkiste im Laden. Hier schreibe ich über meine Rückenschmerzen, über die Wirbelsäulentherapie, die daraus eine Art Gewohnheit gemacht hat, und über das, was ein ehrlicher Erfahrungsbericht aus Hamburg-Altona eben hergibt: keine Wunder, nur Wochen.
Blasius, mein schwarzer Kater, hat der Matte heute die kalte Schulter gezeigt und sitzt lieber auf der Fensterbank. Ich bin keine Physiotherapeutin und keine Heilerin, sondern die Frau, die dir in der Großen Elbstraße die Romane mit den klugen, älteren Erzählerinnen in die Hand drückt, vier Tage die Woche, meistens neun Stunden am Stück zwischen Theke, Leiter und Auslage.
Ein Hinweis vorweg, weil er in jeden dieser Sonntagseinträge gehört: Manche Links hier sind Affiliate-Links, ausprobiert habe ich aber nur, was wirklich auf meiner Matte gelandet ist. Die ausführliche Offenlegung steht ganz unten.
Woher der Druck im Kreuz wirklich kam
Bevor ich das erste Modul überhaupt geöffnet habe, hatte ich schon einiges probiert. Ergonomische Einlegesohlen für den langen Arbeitstag lagen ein ganzes Jahr in meinen Arbeitsschuhen, extra angepasst für die langen Stehtage an Kasse und Auslage. Geholfen haben sie meinem Rücken nicht messbar, höchstens meinen Füßen ein bisschen.
Dass sich Alltagsstress ausgerechnet im unteren Rücken sammelt, wenn man ihn sonst nirgendwo hinlässt, habe ich damals noch nicht verstanden, das ist eine andere Geschichte für einen anderen Sonntag. Fest steht: Wer wie ich im Stehen arbeitet, muss der Wirbelsäule irgendwo einen Ausgleich anbieten, sonst sucht sie sich ihren eigenen Weg, meistens keinen guten.
Die Wirbelsäulentherapie ist inzwischen kein Kurs mehr, den ich absitze, sondern Teil meiner Alltagshygiene geworden, so beiläufig wie das Zählen der Kasse am Abend. Acht Module hat sie, ich bin sie oft genug durchgegangen, dass ich längst nicht mehr der Reihenfolge folge, meistens ist es eine einzelne Übung aus einem der hinteren Module, während der Kaffee durchläuft.
Was ich dabei nie vergesse: Bei stechenden Schmerzen oder wenn es ins Bein zieht, ist der erste Weg zum Orthopäden, nicht zum Laptop. Das habe ich selbst so gemacht, bevor ich die erste Übung ausprobiert habe. Ein Online-Kurs ersetzt keine Diagnose, er ist nur ein Werkzeug für zu Hause.

Manchmal bleibt die Matte im Regal liegen
Ein Dienstag Anfang Mai lief bei mir komplett aus dem Ruder. Die Bestellung vom Hanser-Verlag kam zwei Tage zu spät, im Lager stand Wasser wegen eines Rohrbruchs, und eine Stammkundin brauchte eine gefühlte Ewigkeit, um mir zu erklären, welches Buch sie meint, obwohl sie den Titel selbst nicht mehr wusste. Abends war ich so erledigt, dass die Matte einfach im Regal blieb, zusammengerollt, ungeöffnet. Ich bin mit einem ziehenden Kreuz ins Bett gefallen und habe es dabei belassen.
Mehr war an diesem Tag nicht drin.
Früher hätte mich das fertiggemacht. Heute weiß ich, dass eine übersprungene Woche kein Beinbruch ist, eher wie ein ausgelassenes Kapitel in einer langen Familiensaga, den Anschluss verliert man dadurch nicht. Ich habe mittlerweile verstanden, warum die Wirbelsäulentherapie Übungen für zuhause bei mir endlich funktionieren: Es gibt keinen Drill-Instruktor, der mitzählt, nur mich, den Laptop auf dem Küchentisch, und die Einsicht, dass der Rücken kein Gegner ist, den man besiegen muss.
Wenn die Wirbelsäule nach einem langen Tag steif wird wie ein ungelesenes Hardcover, hilft oft eine kurze Rotation zwischen den Neuerscheinungsstapeln im Lager, wenn gerade niemand hinschaut. Um Faszien und ihr Lösen geht es dabei nur am Rande, das ist ein eigenes Thema, das ich hier nicht aufmachen will. Ein kurzes Durchatmen zwischendurch bringt mir oft mehr als eine verkrampfte Stunde am Wochenende.
Das eigentliche Prinzip hinter der Wirbelsäulentherapie
Am Anfang ging es nur darum, den akuten Zug loszuwerden, mittlerweile interessiert mich mehr, was eigentlich dahintersteckt. Das Prinzip, wenn man es so nennen will, ist ziemlich unspektakulär: nicht die große Rettung an einem einzigen Abend, sondern viele kleine, fast langweilige Wiederholungen, die sich erst nach Wochen zu etwas Spürbarem summieren. Der Rücken wird nicht bekämpft, er wird eher wie ein Kollege behandelt, mit dem man jeden Tag kurz redet, statt ihn einmal im Jahr zur Rede zu stellen.
Es war Woche sechs, im ersten Frühjahr mit dem Kurs, das weiß ich noch, weil ich es damals ins Heft geschrieben habe. Ich saß an einem Sonntagabend auf dem Küchenstuhl, blickte raus Richtung Elbe, und mir fiel auf, dass sich mein Kreuz beim Vorbeugen zur Teekanne kein einziges Mal seitlich weggedreht hatte, so wie es monatelang getan hatte.
Meiner Nachbarin Finja Tiedemann, die im Treppenhaus meistens genau zu solchen Zeiten auftaucht, habe ich davon erzählt. Finja ist Physiotherapeutin in Eimsbüttel, aber wenn ich ihr von einer Übung aus dem Kurs vorschwärme, hört sie höflich zu und sagt meistens gar nichts dazu.
In unserer kleinen Rückenrunde, die sich einmal im Monat in Altona trifft, fragt mich Thordis Benner nach jedem Treffen, ob ich meine Sonntagseinträge noch schreibe. Thordis macht selbst Feldenkrais und hat ein feines Gespür dafür, wenn jemand übertreibt, weshalb ich bei ihr besonders aufpasse, nichts größer zu machen, als es ist. Mehr als die zehn Minuten am Morgen, die bei mir ohnehin selten mehr werden, verspreche ich niemandem, auch nicht mir selbst.
An Sonntagen mit echtem Hamburger Schietwetter höre ich stattdessen in Audio-Kurse rein, Phaenomen Leben ist so ein Begleiter geworden. Einen Übungsplan für den Lendenwirbel liefert er nicht, aber eine Art mentale Weite, die mir hilft, wenn der Laden mal wieder aus allen Nähten platzt.
Zwölf Stunden Material sind das insgesamt, ich höre es in kleinen Häppchen beim Bügeln oder wenn ich mal wieder zum Spritzenplatz im Schanzenviertel hinüberlaufe. Es hilft mir, die körperliche Anspannung nicht mehr so persönlich zu nehmen, ein ziehender Rücken ist dann keine Niederlage mehr, sondern nur eine Information.
Dazu kombiniere ich gern ganz praktische Dinge, etwa besseren Haltung beim Gehen zur Entlastung der Lendenwirbelsäule. Auf dem Weg von der Großen Elbstraße nach Feierabend achte ich inzwischen automatisch darauf, wie meine Füße abrollen, eine Kleinigkeit, die sich über die Monate zu etwas Spürbarem summiert.

Was bleibt, wenn ich heute zurückblicke?
Wenn ich an die Zeit vor der Wirbelsäulentherapie denke, taucht vor allem eine alte Angst wieder auf: dass ich mit vierzig vielleicht nicht mehr an der Theke stehen kann, dass der Job irgendwann zu groß für meinen Rücken wird. Diese Angst ist einer ruhigeren Gewissheit gewichen, ich habe inzwischen ein paar Werkzeuge zur Hand, die wirklich etwas bringen.
Für die dunklen Wintermonate, wenn im Laden das Weihnachtsgeschäft kaum Luft zum Atmen lässt, habe ich mir vorgenommen, mich an Verborgene Weltgeschichte zu wagen, einen Kurs mit rund 50 Stunden Material. Nichts für zwischendurch, aber genau richtig für lange Abende, an denen der Tee in der Kanne bleibt und Blasius sich auf meinen Schoß legt.
Was ich jedem rate, der in einem ähnlichen Job steht wie ich, ob im Verkauf, in der Pflege oder in der Gastronomie: Nicht warten, bis gar nichts mehr geht. Klein anfangen reicht schon. Die Wirbelsäulentherapie ist dafür ein bodenständiger Einstieg, keine komplizierten Begriffe, keine Verrenkungen, nur Übungen, die Sinn ergeben.
Abends, wenn ich die Tür der Buchhandlung abschließe und den Schlüssel im Schloss drehe, spüre ich das leichte Ziehen manchmal noch. Es ist aber kein bedrohliches Reißen mehr, eher eine Erinnerung daran, dass ein anstrengender Tag hinter mir liegt und die Matte gleich drankommt. Der Wasserkocher pfeift schon, der Tee zieht, und irgendwo im Flur höre ich Blasius.
Die eine Lektion, die ich aus all den Sonntagseinträgen bislang mitnehme, ist simpel: Der Rücken meldet sich meistens leise, lange bevor er laut wird, wer früh genug hinhört, muss später seltener schreien hören. Vielleicht hilft dir dieser ehrliche Blick in mein Leinen-Heft dabei, deinen eigenen ersten Schritt zu machen, er muss nicht perfekt sein, er muss nur anfangen.