
Draußen am Hafen ziehen die Lichter der Kräne vorbei, während der Wasserkocher in meiner Altonaer Küche leise zu pfeifen beginnt. Es ist Sonntagabend, die einzige Zeit in der Woche, in der die Große Elbstraße sich für mich nicht wie ein Marathon anfühlt. Auf meinem Küchentisch liegt das raue Leinen meines Notizbuchs unter meinen Fingern, während der Hamburger Regen gegen die Scheibe peitscht und Blasius, mein schwarzer Kater, leise schnurrend auf der Ecke meiner Matte liegt.
Ich bin keine Physiotherapeutin, keine Ärztin und erst recht keine Heilerin. Ich bin Buchhändlerin. Seit neun Jahren stehe ich vier Tage die Woche neun Stunden an der Theke, auf der Leiter oder hocke vor der Auslage. Mein Rücken, genauer gesagt der untere Bereich, meldet sich seit 2022 regelmäßig. Es ist ein dumpfes Ziehen, das sich durch keine klassische Physiotherapie dauerhaft wegmassieren ließ. Irgendwann stellt man sich am Sonntagabend die Frage: Bin ich heute Buchhändlerin oder nur ein Bündel aus verspannten Muskeln? Das Schreiben in dieses Heft gibt mir meistens die Antwort.
Hinweis: In meinen Notizen findest du einige Affiliate-Links. Wenn du darüber einen Kurs buchst, erhalte ich eine Provision – für dich bleibt der Preis gleich. Ich schreibe hier nur über Dinge, die ich selbst auf meiner Matte zwischen Bücherregal und Küchentisch ausprobiert habe. Meine vollständige Offenlegung findest du im Impressum.
Der Moment, als das Regal zurückschlug
Im März 2024 war es besonders schlimm. Wir hatten eine riesige Lieferung vom Hanser-Verlag bekommen, Stapel über Stapel, die ins Lager mussten. Mein unterer Rücken fühlte sich an wie eine alte, zu fest aufgezogene Feder. Eine Freundin erzählte mir von der Wirbelsäulentherapie von Reichl. Ich war skeptisch. Noch ein Online-Kurs? Zwischen Kassenabrechnung und dem Wunsch nach Feierabend?

Aber der Leidensdruck war groß genug. Der Kurs umfasst 8 Module mit über 50 Videos, insgesamt rund 6 Stunden Material. Das klang machbar, selbst für jemanden, der nach der Arbeit oft nur noch fähig ist, Blasius zu kraulen und in einem Roman mit einer klugen, älteren Erzählerin zu versinken. Ich begann, die Matte einfach fest zwischen das Bücherregal und den Küchentisch zu klemmen. Wenn sie da liegt, kann ich sie nicht ignorieren.
Es ist wichtig, das vorab zu sagen: Wenn es bei dir im Kreuz richtig kracht oder die Schmerzen ausstrahlen, geh bitte erst zum Orthopäden. Ich habe das auch gemacht, bevor ich mit den Übungen startete. Ich habe keine medizinische Ausbildung, ich teile hier nur meinen Weg aus der Buchhandlung auf die Matte.
Warum normales Dehnen im Einzelhandel oft scheitert
In der Buchhandlung haben wir eine Stammkundin, Frau Martens. Sie ist Pflegekraft in der stationären Altenpflege. Wenn wir uns über unsere Rücken unterhalten, merke ich oft, dass wir im selben Boot sitzen. Standard-Rückentherapien scheitern bei uns oft, weil die tägliche Belastung – bei ihr das Heben von Patienten, bei mir das Schleppen von Bücherkisten – die regenerativen Übungen sofort wieder zunichtemacht. Man braucht etwas, das man trotz des ständigen Stresses integrieren kann.
Einmal, in einer besonders grauen Woche im letzten November, versuchte ich die Übungen im Badezimmer meiner Altbauwohnung zu machen. Es war eng, der Boden kalt, und beim Versuch einer seitlichen Dehnung stieß ich mit dem Ellbogen so hart gegen den gusseisernen Heizkörper, dass ich für diesen Abend abbrach. Seitdem bleibe ich in der Küche. Dort habe ich Platz, und der Laptop steht sicher auf dem Tisch.
Ich habe gelernt, dass es nicht um die perfekte Ausführung geht. Manchmal schaffe ich morgens nur zehn Minuten, manchmal gar nichts. Aber die Kontinuität der Übungen gegen Rückenschmerzen beim langen Stehen im Verkauf hat etwas in meinem Körpergedächtnis verändert. Es ist weniger ein Training als eine Erinnerung an den Rücken, dass er nicht nur aus Beton besteht.

Die Weite im Alltag finden
Nach etwa drei Monaten Routine passierte etwas Seltsames. Ich stand in der Belletristik-Abteilung und beugte mich vor, um ein Buch aus der untersten Reihe zu fischen – ein Klassiker, schwerer Leineneinband. Normalerweise schießt mir dabei ein kurzer Schmerz ein. Aber dieses Mal war da nur ein weiches Dehnen. Es war das erste Mal, dass mein Körper nicht mit einem Warnsignal reagierte. Dieses Gefühl von 'Weite' ist schwer zu beschreiben, wenn man es nicht selbst gespürt hat.
An manchen Sonntagen, wenn der Rücken besonders ruhig ist, höre ich nebenbei in andere Kurse rein. Das Phaenomen Leben zum Beispiel. Es hat 5 Module über 12 Stunden und ist eher etwas für den Kopf oder lange Spaziergänge an der Elbe. Es gibt mir eine andere Perspektive auf die körperliche Heilung, weg von der rein mechanischen Reparatur-Idee. Für mich als Buchhändlerin, die gerne zwischen den Zeilen liest, ist das eine wunderbare Ergänzung.
Manchmal schleicht sich auch der Alltag ein. Es gab Wochen, da blieb die Matte eingerollt. Die Frau, die jeden Donnerstag nach einem ganz bestimmten Doppelgänger-Band sucht, den es gar nicht gibt, hat mich so viel Nerven gekostet, dass ich abends nur noch schlafen wollte. Das gehört dazu. Die Wirbelsäulentherapie ist kein Allheilmittel, das über Nacht wirkt. Es ist eher wie ein guter Fortsetzungsroman: Man muss dranbleiben, auch wenn ein Kapitel mal langatmig ist.

Ein Blick in die Zukunft und auf den Stapel
Jetzt, an diesem Sonntagabend im Mai, blicke ich auf die kommende Woche. Morgen kommen die Remittenden, das bedeutet wieder viel Bücken und Packen. Aber ich habe keine Angst mehr davor. Ich weiß jetzt, wie ich mich zwischendurch kurz entlasten kann. Manchmal mache ich eine kleine Übung direkt am Bücherwagen im Lager, wenn gerade kein Kunde guckt. Es sind diese 10 Minuten Rückenübungen für die Morgenroutine, die den Unterschied machen.
Wenn du selbst im Verkauf arbeitest oder einen Job hast, bei dem du dich ständig fragst, wie lange dein Rücken das noch mitmacht, kann ich dir nur raten: Fang klein an. Die Wirbelsäulentherapie ist ein guter Einstieg, weil sie körperlich ansetzt, ohne dich mit Theorie zu erschlagen. Und wenn du tiefer graben willst, gibt es noch ganz andere Kaliber wie die Verborgene Weltgeschichte – ein Mammutprojekt mit 120 Videos und 50 Stunden Material. Das hebe ich mir für die wirklich langen Wintermonate auf, wenn ich viel Zeit zum Mitschreiben habe.
Blasius hat sich inzwischen auf meine Füße gelegt. Der Tee ist leer. Morgen früh werde ich die Matte wieder ausrollen, für zehn Minuten, bevor ich in die Große Elbstraße fahre. Nicht, weil ich muss, sondern weil mein Rücken es mir dankt. Wenn du auch dieses Ziehen kennst, probier es aus. Es muss nicht perfekt sein. Es muss nur ehrlich sein.
Vielleicht sehen wir uns ja mal in der Buchhandlung – ich bin die, die beim Einräumen der unteren Regale jetzt meistens lächelt.