
Kies knirscht anders unter nackten Sohlen als unter Wanderschuhen – schärfer, unmittelbarer, mit einem Nachhall, der bis ins Kreuz zieht. Am Elbstrand bei Övelgönne laufe ich deshalb inzwischen öfter barfuß, seit mir Yoga-Videos vom Wohnzimmerboden für den Rücken kaum noch etwas gebracht haben. Ich arbeite in einer kleinen Buchhandlung in Altona, stehe die meiste Zeit, und was sich zwischen Bücherregal und Kasse an Verspannung ansammelt, landet am Sonntagabend in meinem Leinen-Heft. Zwei Wege standen zur Auswahl: drinnen auf dem Teppich, nach Anleitung vom Bildschirm, oder draußen am Wasser, wo der Boden selbst die Ansage macht.
Kurzer Hinweis vorab: Ein paar Links in diesem Text sind Affiliate-Links. Buchst du darüber einen Kurs, bekomme ich eine kleine Provision, dein Preis bleibt gleich. Ich schreibe nur über Kurse, die ich selbst durchgearbeitet habe – meine ausführliche Offenlegung findest du weiter unten verlinkt.
Was am Wohnzimmerboden nicht funktioniert hat
Eine Zeit lang habe ich abends kostenlose Yoga-Videos auf dem Handy laufen lassen, die Matte ausgerollt und mitgemacht, so gut es eben ging. Die Übungen sahen elegant aus, aber niemand korrigierte meine Haltung, und der untere Rücken – der Teil, der nach einer Standschicht am lautesten protestiert – blieb praktisch außen vor. Nach einer Weile fühlte ich mich gedehnt und zufrieden, doch am nächsten Tag hinter der Kasse war die alte Enge wieder da, als hätte der Videoabend gar nicht stattgefunden. Wie man langes Stehen im Verkauf sonst noch ausgleichen kann, wäre ein eigenes Thema für sich.
Anders lief es mit der Wirbelsäulentherapie, auf die ich vor einer Weile gestoßen bin. Sie ersetzt die Yoga-Videos nicht eins zu eins, dafür ist sie anders aufgebaut und fragt eher nach der Grundhaltung als nach der schönsten Dehnung. Warum sich der untere Rücken im Alltag überhaupt so zuverlässig meldet, ist ein eigenes Kapitel, das an anderer Stelle ausführlicher steht – hier reicht der Hinweis, dass reine Beweglichkeit bei mir nicht das Problem gelöst hat.

Warum gerade der Elbstrand bei Övelgönne?
Övelgönne hat Kies, Muschelbruch und ein paar schlammige Stellen, die bei Ebbe freiliegen – kein gleichmäßiger Untergrund wie ein Teppich, sondern einer, der bei jedem Schritt neu entscheidet, wo er drückt. Genau das war der Unterschied zum Wohnzimmerboden: Zuhause ist die Fläche überall gleich, am Strand muss der Fuß ständig nachjustieren. Wer nachlesen will, wie viele einzelne 26 Knochen allein im Fuß stecken und was mit Propriozeption gemeint ist, findet das leicht online. Ich behaupte hier nichts Genaueres darüber, nur so viel: Barfuß auf Kies fühlt sich vollkommen anders an als barfuß auf Teppich.
Was das mit den Faszien im Rücken macht, will ich nicht im Detail auswalzen – dafür ist ein anderer Text besser geeignet. Genauso wenig will ich erklären, was genau im Iliosakralgelenk passiert, wenn der Kies drückt und die Hüfte sich neu ausrichtet – ich merke nur, dass sich danach etwas löst, das sich am Teppich nie gelöst hat.

Barfuß am Kies, in Socken auf dem Teppich
Stell die beiden nebeneinander, und der Unterschied ist eigentlich simpel. Der Teppich ist immer verfügbar, bei jedem Wetter, ohne Anfahrt – ideal für Regentage oder wenn die Zeit knapp ist. Der Kies verlangt einen Weg zum Wasser, feste Zeit, oft auch Wind. Dafür bleibt am Strand ein Effekt hängen, den ich am Teppich nie hatte: ein spürbares Wärmegefühl, das von den Sohlen bis hoch zum Kreuz wandert und noch Stunden später da ist.
Morgens bleibt die kurze Matten-Routine aus der Wirbelsäulentherapie trotzdem fester Bestandteil – acht Module, überschaubar für einen Alltag mit wenig Zeit –, auch wenn ich die genaue Abfolge lieber ein andermal beschreibe. Ob das eher klassische Physiotherapie ist oder etwas ganz anderes, lasse ich hier bewusst offen; das ist wieder ein eigenes Thema.
Den Bücherwagen schieben, ohne dass der Rücken mitzieht
Ein Donnerstagvormittag im Lager, der Bücherwagen quer durch die Gänge – ich wollte ihn schon abstellen, wie an den meisten Tagen, mit der üblichen kurzen Pause zum Geraderichten. Diesmal war ich schon am Ziel, aufrecht, ohne dass die Schultern nach vorne gefallen waren. Kein großes Ereignis, aber ein Unterschied, den ich vorher nie bemerkt hätte.
Helene, meine Kollegin hinter der Theke, hat mal gesagt, sie sehe mir die Schulterhaltung an, noch bevor ich selbst merke, dass ein Tag zäh wird. Diesmal hatte sie nichts zu bemerken, und das war eigentlich die ganze Neuigkeit.
Die Angst, sich beim Barfußlaufen irgendwo wehzutun, kenne ich ebenfalls – dieser Kreislauf aus Vorsicht und Vermeidung ist aber ein eigenes Thema, das mehr Platz verdient, als hier bleibt.

Wer das nicht kann oder will
Barfußlaufen ist kein Allheilmittel, und es ist auch kein Zufall, dass ich es mir leisten kann. Jemand, den ich kenne, arbeitet auf dem Bau und trägt dort aus gutem Grund Sicherheitsschuhe – Nägel, Splitter, Vorschriften, die nicht verhandelbar sind. Was für mich Entlastung ist, wäre für ihn ein Risiko.
Wer den ganzen Tag Sicherheitsschuhe oder Standardpumps tragen muss, braucht am Abend vermutlich eine andere Form von Ausgleich. Das Grundprinzip hinter der Wirbelsäulentherapie – warum Haltung vor Dehnung kommt – erkläre ich an anderer Stelle ausführlicher. Einen Blick in die Übersicht sanfter Bewegungsformen lohnt sich, wenn du selbst nach etwas Passendem suchst, das nicht barfuß am Wasser stattfinden muss.
Am Ende zieht es mich ans Wasser
Für den Teppich spricht die Verfügbarkeit, für Övelgönne spricht die Wirkung, die länger hält. Wenn draußen Sturm ist oder die Zeit für den Weg zur Elbe fehlt, greife ich zur kurzen Matten-Routine. Wenn ich wirklich etwas gegen die Enge im Kreuz tun will, führt für mich kaum ein Weg am Kies vorbei.
Eine Leserin, Birke Hartung, schrieb mir vor einiger Zeit, ihr Rücken kenne dieses Gefühl aus zwanzig Jahren vor der Klasse – ihre Vergleiche aus dem Schulalltag treffen es manchmal genauer, als ich es selbst hinbekomme. Wer lieber zuhört statt selbst zu üben, für den ist der Kurs Phaenomen Leben vielleicht der bessere Einstieg – er lässt sich abschnittsweise sonntags hören und verlangt keine Matte.
Für alle, die viel stehen, ob im Verkauf oder in der Gastronomie, gibt es übrigens auch eine Übersicht zu die besten Schuhe bei Rückenschmerzen, falls Barfußlaufen im eigenen Job schlicht keine Option ist. Für mich bleibt es eine Kombination: draußen der Kies, drinnen die kurze Routine aus der Wirbelsäulentherapie.
Ich klappe mein Heft jetzt zu, Blasius ist längst eingeschlafen, und morgen ist wieder ein Tag, an dem ich entscheiden werde, ob die Schuhe anbleiben oder nicht.