
Die Dielen vor unserer Kasse sind an einer Stelle blank gelaufen, genau dort, wo ich die meiste Zeit stehe – neun Stunden am Tag, vier Tage die Woche, an der Theke der Buchhandlung in der Großen Elbstraße. Hohlkreuz vermeiden war für mich lange kein bewusstes Thema, bis der Rücken selbst eins daraus gemacht hat. Was seitdem hilft, sind keine großen Versprechen, sondern ein paar kleine Prinzipien aus der Wirbelsäulentherapie, die sich fast unbemerkt in meinen Buchhandel-Alltag eingeschlichen haben. Rückengesundheit ist dabei für mich keine Frage von mehr Kraft, sondern von Haltungskorrektur im Kleinen – von Zentimetern, nicht von großen Gesten.
An einem Freitagnachmittag im Frühsommer reichte die Schlange bis zu den Kunstbänden hinten im Laden. Kaum hatte ich das fünfte Buch eingepackt, merkte ich, wie sich mein Becken nach vorne schob und die Mitte nachgab. Dieses Ziehen im unteren Rücken kenne ich inzwischen genau – es meldet sich immer zuerst an derselben Stelle, dumpf und beharrlich, sobald ich müde werde und die Haltung vergesse.
Warum kippt das Becken ins Hohlkreuz?
Die Wirbelsäule soll im Idealfall wie eine gut sortierte Buchreihe übereinanderstehen, jeder Wirbel an seinem Platz. Beim langen Stehen auf den harten Dielen unserer Buchhandlung verliert diese Statik bei mir oft den Rhythmus, und die natürliche Krümmung im unteren Rücken, die Lendenlordose, wird steiler, als sie eigentlich müsste. Wie genau das mit Bandscheiben und Gelenken zusammenhängt, ist ein eigenes, größeres Thema – das Grundprinzip der Wirbelsäulentherapie dahinter hab ich in einem anderen Sonntagseintrag ausführlicher aufgeschrieben.
Lange dachte ich, der Bauch müsste einfach nur fest genug angespannt sein, um das Hohlkreuz auszugleichen – Bauch rein, Brust raus, wie man es früher im Sportunterricht hörte. Genau das war der Denkfehler. Durch die Wirbelsäulentherapie hab ich gelernt, dass dieses krampfhafte Einziehen die tiefe Rumpfmuskulatur eher schwächt als stützt. Es geht nicht um mehr Kraft, sondern um mehr Raum zwischen den Wirbeln. Dass sich Alltagsstress oft zuerst im unteren Rücken meldet, lange bevor er woanders spürbar wird, ist übrigens eine eigene Beobachtung, die ein eigenes Kapitel verdient hätte.

Kleine Verschiebungen wirken mehr als große Vorsätze
Es sind keine großen Verrenkungen, die mir hinter dem Tresen helfen. Niemand merkt, wenn ich kurz die Knie entriegele oder das Gewicht von einem Bein aufs andere verlagere. In der Wirbelsäulentherapie wird das Becken gern mit einer Schale verglichen: Kippt sie nach vorne, läuft das Gleichgewicht aus, und der Rücken zahlt dafür. Ein paar dieser kleinen Bewegungen hab ich schon einmal in einem Eintrag zu Wirbelsäulentherapie-Übungen für einen leichteren Alltag in der Buchhandlung notiert – hier soll es eher um das Gefühl dahinter gehen als um eine neue Liste.
Solveig Torp, eine Stammkundin, die Bücher eher nach der Farbe des Umschlags aussucht als nach dem Klappentext, hat mich neulich beim Kassieren gefragt, ob das mit dem Rücken inzwischen besser sei. Ich hab ihr gesagt, dass 'besser' das falsche Wort ist – es ist eher: seltener schlimm. Sie nickte, als hätte sie genau das erwartet, und entschied sich am Ende für einen Roman mit petrolfarbenem Cover.
Welche gezielten Ausgleichsübungen fürs lange Stehen im Verkauf wirklich etwas bringen, das gehört in einen anderen Artikel – hier reicht mir der Hinweis, dass es sie gibt. Ob die Wirbelsäulentherapie eine Physiotherapie ersetzen kann oder soll, ist ebenfalls eine andere Abwägung, die ich woanders ausführlicher angehe. Ich bin keine Physiotherapeutin und keine Ärztin, nur eine Buchhändlerin mit einer Matte in der Küche, und bei echten, anhaltenden Beschwerden gehört der erste Weg zum Orthopäden, nicht zu mir.
Bevor ich bei der Wirbelsäulentherapie gelandet bin, hab ich einiges ausprobiert, das nicht funktioniert hat. Kinesiologie-Tape quer übers Kreuz geklebt, zum Beispiel, in der Hoffnung, der Zug allein würde die Haltung schon irgendwie halten. Gebracht hat es nichts außer einer geröteten Stelle beim Abziehen und dem Gefühl, mich auf etwas Äußeres zu verlassen, das mit meiner eigenen Muskulatur gar nichts zu tun hatte.
Nicht jede Lösung, die klingt, als müsste sie helfen, hilft auch.

Vier Wochen bis zur ersten Veränderung
Ungefähr vier Wochen, nachdem ich angefangen hatte, diese Mikrobewegungen bewusst einzubauen, hob ich an einem Donnerstagmorgen Blasius vom Fensterbrett, weil er unbedingt auf den Küchentisch wollte. Erst beim Absetzen fiel mir auf, dass mein Rücken dabei die ganze Zeit still geblieben war – kein Ziehen, kein kurzes Innehalten, einfach nur eine Bewegung, die keine besondere Aufmerksamkeit mehr brauchte.
Das war's. Keine Fanfare.
Meine Matte liegt zusammengefaltet auf dem Linoleum, zwei Schritte vom Bücherregal entfernt, direkt neben dem Küchentisch mit dem Leinenheft. Dort übe ich inzwischen seit etwas mehr als zwei Jahren, meistens zehn Minuten morgens, manchmal auch gar nicht – die genaue Morgenroutine mit wenig Platz hab ich in einem anderen Eintrag detaillierter beschrieben. Was dabei im Fasziengewebe oder im Iliosakralgelenk konkret passiert, kann ich nicht fundiert erklären; das überlass ich lieber den Texten, die sich gezielt damit befassen.
Ronja, meine Freundin, fragt inzwischen nie, ob es besser geworden ist. Sie fragt nur, was ich diese Woche gemacht habe.
Rückengesundheit im Stehen bewahren
Was ich aus diesen zwei Jahren für den Verkaufsalltag mitnehme, lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Der Rücken hält nicht durch, weil er stark genug ist, sondern weil er beweglich genug bleibt, um sich immer wieder neu auszurichten. Das ist die eine Sache, die ich wirklich jedem weitergeben würde, der neun Stunden am Tag auf harten Böden steht.
Die Angst, sich beim Stehen 'falsch' zu bewegen und dadurch alles wieder zu verschlimmern, kenne ich auch gut – aber wie man aus diesem Kreislauf rauskommt, ist eine andere, längere Geschichte.
Der Geruch von Papier und Buchbinderleim aus dem Lager hängt sonntags manchmal noch in meinem Pullover, wenn ich am Küchentisch sitze und ins Leinenheft schreibe. Es gibt Wochen, in denen ich kaum etwas notiere, weil einfach nichts Besonderes passiert ist – die Matte bleibt zusammengerollt, und das ist auch in Ordnung. Wie sich der Rücken direkt nach dem Aufstehen anfühlt, hab ich an anderer Stelle genauer aufgeschrieben, zum Beispiel bei Rückenschmerzen nach dem Aufwachen. Für heute reicht mir, dass ich beim Einpacken des letzten Buchs am Freitagabend nicht mehr automatisch ins Hohlkreuz falle – meistens jedenfalls.