
Draußen über der Elbe hängen heute Abend tiefgraue Wolken, die fast die Spitzen der Hafenkräne verschlucken. In meiner Altonaer Küche ist es hingegen warm; der Wasserkocher hat gerade abgeschaltet, und der Dampf von meinem Kräutertee mischt sich mit dem vertrauten Geruch von altem Papier, der mir seit neun Jahren in den Haaren und Kleidern hängt. Blasius, mein schwarzer Kater, hat sich bereits auf der zusammengerollten Matte zwischen dem Küchenregal und dem Esstisch breitgemacht. Er weiß genau: Jetzt ist Sonntagabend, die Zeit für mein Leinen-Heft.
Es ist jetzt Anfang Juni 2026, und wenn ich die Einträge der letzten Wochen überfliege, sehe ich eine deutliche Kurve. Nicht immer nach oben, aber stetig. Als Buchhändlerin in der Großen Elbstraße verbringe ich meine Tage damit, schwere Kisten mit Neuerscheinungen zu wuchten, Leitern zu erklimmen und stundenlang an der Theke zu stehen. Aber das Paradoxe ist: Mein Rücken schmerzte oft am meisten, wenn ich eigentlich Feierabend hatte. Wenn ich mich mit einem Buch – meistens ein Roman mit einer eigensinnigen, älteren Erzählerin – in meinen Sessel fallen ließ. Nach einer halben Stunde war da dieses vertraute, fiese Ziehen im Nacken, das bis in die Mitte der Wirbelsäule ausstrahlte.
Das Gewicht der Geschichten: Wenn der Kopf zum Anker wird
In der Buchhandlung haben wir diese Woche eine riesige Lieferung Bildbände bekommen. Prachtvolle, schwere Dinger über die Architektur des Hamburger Hafens. Als ich einen davon ins Regal wuchtete, dachte ich an das, was ich über die Anatomie gelernt habe, seit ich im März 2024 über eine Freundin auf Reichls Wirbelsäulentherapie gestoßen bin. Ein menschlicher Kopf wiegt etwa fünf Kilogramm. Das ist in etwa so viel wie drei dicke Hardcover-Bände von Diogenes oder Hanser.
Solange wir aufrecht stehen, balanciert die Wirbelsäule dieses Gewicht recht mühelos. Aber sobald wir lesen, passiert etwas Tückisches: Wir neigen den Kopf. Bei einer Neigung von etwa 60 Grad – die klassische "Ich-starre-auf-mein-Buch-im-Schoß"-Haltung – wirken plötzlich Kräfte von bis zu 27 Kilogramm auf die Halswirbelsäule. Das ist, als würde man sich eine ganze Kiste Mineralwasser in den Nacken hängen. Kein Wunder, dass die Muskulatur irgendwann kapituliert und verhärtet.

Ich merkte das besonders intensiv an einem Abend Mitte Mai. Wir hatten im Laden viel zu tun, weil eine bekannte Autorin zur Lesung kam, und ich hatte den ganzen Tag nur funktioniert. Als ich mich abends endlich hinsetzte, fühlte sich mein Nacken an wie ein Stück trockenes Treibholz. Ich versuchte zu lesen, aber nach zehn Minuten musste ich das Buch weglegen. Der Schmerz war präsenter als die Handlung. In solchen Momenten hilft mir kein Ignorieren mehr. Ich habe gelernt, dass ich in mich hineinhorchen muss, statt den Körper als fehlerhaftes Werkzeug zu betrachten. Ich bin keine Physiotherapeutin und habe keine medizinische Ausbildung, aber ich habe inzwischen ein Gespür dafür entwickelt, wann mein Gerüst nach einer Neuausrichtung ruft.
Die Suche nach der Balance zwischen Sessel und Wirbelsäule
In meinen ersten Wochen mit der Wirbelsäulentherapie dachte ich noch, ich müsste nur die Übungen morgens auf der Matte machen und alles wäre gut. Zehn Minuten "Einnorden", und der Rest des Tages erledigt sich von selbst. Aber die Realität in der Buchhandlung und danach zu Hause sieht anders aus. Wenn ich abends lese, mache ich oft die Fortschritte des Morgens wieder zunicht, wenn ich nicht aufpasse.
Ich habe viel experimentiert. Es gab Wochen, da habe ich versucht, nur noch im Liegen zu lesen, was meistens damit endete, dass mir die Arme einschliefen oder das Buch auf die Nase fiel. Dann probierte ich es am Küchentisch, kerzengerade wie eine Schülerin im ersten Schuljahr. Aber wer will nach neun Stunden Arbeit schon diszipliniert am Tisch sitzen? Lesen soll Freiheit sein, kein Korsett.
Die wichtigste Erkenntnis kam eigentlich durch das Beobachten meiner Stammkunden. Da ist diese eine ältere Dame, die jeden Donnerstag kommt und nach Doppelgänger-Romanen sucht. Sie trägt ihren Kopf immer sehr stolz, fast wie eine Tänzerin, obwohl sie einen Rollator nutzt. Sie sagte mir mal zwischen zwei Sätzen über Dostojewski: "Kindchen, lass die Welt zu dir kommen, bück dich nicht zu ihr hinunter." Das war der Schlüssel. Nicht ich muss mich zum Buch beugen, das Buch muss zu mir kommen.
Meine kleinen Altonaer Kniffe für entspanntes Lesen
In meinem Leinen-Heft habe ich mir über die Monate ein paar Strategien notiert, die tatsächlich funktionieren. Nicht als starre Regeln, sondern als Angebote an meinen Körper. Manchmal vergesse ich sie, und der Rücken erinnert mich schmerzhaft daran. Aber meistens klappt es jetzt ganz gut.
- Der Stapel-Trick: Wenn ich am Tisch sitze, nutze ich die schweren Bildbände, die ich eigentlich nur zum Anschauen habe, als Podest. Ich staple sie so hoch, dass das Buch, das ich gerade lese, fast auf Augenhöhe ist. Das nimmt den Druck vom Nacken sofort weg.
- Das Kissen-L: Auf meinem Sessel nutze ich ein festes Kissen für den unteren Rücken, um die natürliche Krümmung zu unterstützen. Ein zweites, weicheres Kissen lege ich mir auf den Schoß. Darauf ruhen meine Unterarme. Das entlastet die Schultern enorm, weil sie das Gewicht des Buches nicht mehr allein halten müssen.
- Mikrobewegungen: Ich versuche, nicht mehr in einer Position zu erstarren. Wenn Blasius auf meinen Schoß springt, ist das oft ein guter Anker, um kurz die Haltung zu wechseln. Mal die Beine überschlagen, mal ausstrecken, mal das Gewicht verlagern.
Manchmal, wenn das Hamburger Schietwetter gegen die Scheiben peitscht und die Kälte in die alten Mauern kriecht, merke ich, wie sich alles wieder zusammenzieht. Dann hilft oft Wärme, aber eben auch die richtige Bewegung. Ich habe darüber auch schon mal geschrieben, als es darum ging, was gegen Rückenschmerzen bei Kälte hilft. Es ist immer ein Zusammenspiel aus Umgebung und innerer Haltung.

Wenn die Matte eingerollt bleibt: Ein ehrliches Geständnis
Letzte Woche, Ende Mai, gab es drei Tage am Stück, an denen ich die Matte gar nicht erst ausgerollt habe. Ich war einfach zu müde. Die Remittenden im Laden hatten sich gestapelt, und ich hatte das Gefühl, nur noch aus Beton zu bestehen. In solchen Momenten kriecht der Frust hoch. Man denkt, man hätte nichts gelernt. Aber dann, am Sonntagabend beim Schreiben, wurde mir klar: Das gehört dazu. Die Heilung ist kein gerader Strich nach oben, sie ist eher wie eine Wellenbewegung der Elbe.
Ich habe in dieser Zeit viel die Audio-Kurse von RaGarve gehört, während ich in der Küche hantierte oder einfach nur dasaß. Es ist fast so, als würde man einem guten Freund zuhören, der einen daran erinnert, dass der Körper kein Feind ist, den man bezwingen muss. Diese sanfte Art der Begleitung hat mir geholfen, nicht in Panik zu verfallen, als das Ziehen im unteren Rücken wieder stärker wurde. Ich wusste ja, dass ich Werkzeuge habe. Inzwischen verstehe ich auch viel besser, warum die Wirbelsäulentherapie Übungen für zuhause bei mir endlich funktionieren – eben weil sie keinen Druck aufbauen, sondern mich dort abholen, wo ich gerade stehe, selbst wenn das gerade nur zusammengesunken auf dem Sofa ist.
Sollten die Schmerzen allerdings mal so stark werden, dass sie in die Beine ausstrahlen – das hatte ich zum Glück schon länger nicht mehr –, dann ist das ein Zeichen, wirklich aufzupassen. Wenn es kribbelt oder taub wird, wie ich es mal bei meinen Tipps zum Ischiasnerv beschrieben habe, dann ist der Gang zum Orthopäden unumgänglich. Man darf die eigene Erfahrung nicht mit einer medizinischen Diagnose verwechseln. Ich bin nur eine Buchhändlerin, die versucht, ihren Alltag schmerzfrei zu gestalten.
Der Blick nach vorn (und auf die Elbe)
Jetzt, wo ich diese Zeilen schreibe, spüre ich meinen Rücken kaum. Das ist ein gutes Zeichen. Blasius hat angefangen zu schnurren, ein tiefes, vibrierendes Geräusch, das fast wie eine kleine Therapieeinheit wirkt. Morgen ist Montag, eine neue Woche in der Buchhandlung beginnt. Es kommen neue Kisten, neue Kunden und neue Geschichten.
Ich werde versuchen, morgen früh wieder meine zehn Minuten auf der Matte zu finden. Vielleicht klappt es, vielleicht auch nicht. Aber ich weiß jetzt, dass ich beim Lesen heute Abend nicht mehr gegen meinen Nacken kämpfen muss. Ich werde mir meine Bildbände als Stütze nehmen, den Tee genießen und die Welt zu mir kommen lassen, statt mich zu ihr hinunterzubücken.
Die Ergonomie ist für mich kein technisches Konzept mehr, sondern ein Akt der Selbstfürsorge. Es geht darum, dem Körper den Raum zu geben, den er braucht, um die Geschichten, die wir so lieben, auch wirklich genießen zu können. Ohne den Preis eines brennenden Nackens am nächsten Morgen.
Ich klappe mein Heft zu. Die Hafenlichter glitzern jetzt durch den Regen. Ein tiefer Atemzug, und ich merke, wie sich meine Schultern noch ein Stück weiter senken. Es ist gut für heute.