Rückenschmerzen beim Spazierengehen lindern durch Entlastung der Wirbelsäule

Der Wasserkocher pfeift in der Küche, ein schriller Ton, der Blasius kurz aufhorchen lässt, bevor er sich wieder tiefer in die zusammengerollte Matte zwischen dem Küchenregal und dem Tisch kuschelt. Es ist Sonntagabend, Ende August. Draußen über der Elbe hängt dieses milchige Licht, das typisch für Hamburg ist, wenn der Sommer langsam die Segel streicht. Ich schlage mein Leinen-Heft auf. Das Papier ist kühl und glatt unter meinen Fingern, ein vertrauter Kontrast zu dem rauen Leinenrücken. Während Blasius’ Schnurren leise gegen meine Waden vibriert, denke ich an den Spaziergang heute Nachmittag zurück – und daran, wie anders er sich anfühlte als noch vor einem knappen Jahr.

Das Paradoxon der neun Stunden

Es ist eine seltsame Sache mit meinem Rücken. Seit neun Jahren stehe ich in der Buchhandlung in der Großen Elbstraße. Vier Tage die Woche, jeweils neun Stunden an der Theke, auf der Leiter oder über die Auslage gebeugt. Man sollte meinen, meine Wirbelsäule sei an das Stehen und Gehen gewöhnt. Aber bis vor kurzem gab es einen entscheidenden Unterschied zwischen dem „Arbeits-Gehen“ und dem „Freizeit-Gehen“. In der Buchhandlung bin ich abgelenkt. Da ist die Frau, die jeden Donnerstag nach diesem einen Doppelgänger-Band sucht, den es wahrscheinlich gar nicht gibt. Da sind die schweren Stapel vom Hanser-Verlag, die ins Lager müssen, und die alte Waagenwippe in der Auslage, die immer wieder neu justiert werden will.

Aber kaum hatte ich Feierabend oder wollte am Sonntag einen entspannten Spaziergang an der Elbe machen, passierte es. Nach etwa zwanzig Minuten fühlte es sich an, als würde mein unterer Rücken langsam in den Boden gestaucht. Jeder Schritt war kein Vorwärtskommen, sondern ein Zusammensacken. Meine 24 Wirbel, die eigentlich wie ein perfekt sortiertes Regal übereinanderstehen sollten, fühlten sich an wie ein schiefer Stapel Mängelexemplare kurz vor dem Umkippen. Besonders im Lendenwirbelbereich, diesen fünf untersten Wirbeln, die im Verkauf so viel aushalten müssen, zog es unerbittlich.

Nahaufnahme einer Hand, die in ein Leinenheft schreibt, vor einem Bücherregal.

Der November-Moment an der Elbe

Ich erinnere mich noch genau an einen Tag im letzten November. Es war dieser nasskalte Hamburger Wind, der einem bis in die Knochen kriecht. Ich wollte eigentlich nur den Kopf frei kriegen, weg von den Bestellscheinen und der Inventurliste. Aber nach einer halben Stunde am Museumshafen musste ich mich auf eine kalte Bank setzen, weil der Druck im unteren Rücken unerträglich wurde. Ich saß da und starrte auf die Containerbrücken und fragte mich, warum „Entspannung“ eigentlich so wehtun muss. Ich hielt mich krampfhaft gerade, so wie man es eben lernt: Brust raus, Schultern zurück. Aber genau das machte es schlimmer.

Inzwischen weiß ich, dass diese vermeintlich „gute Haltung“ oft genau das Gegenteil bewirkt. Wenn wir uns beim Gehen zwingen, stocksteif und „aufrecht“ zu sein, blockieren wir die natürliche Stoßdämpfer-Funktion unserer Wirbelsäule. Die S-Kurve, die uns eigentlich abfedern soll, wird starr. Anstatt den Druck zu verteilen, pressen wir die Bandscheiben zusammen. Ich bin keine Physiotherapeutin und habe keine medizinische Ausbildung, aber als Buchhändlerin weiß ich, wann eine Statik nicht stimmt. Und meine Statik war im November am Ende.

Frühlingserwachen: Raum schaffen zwischen den Wirbeln

Als der Wind im frühen Frühjahr drehte und ich bereits einige Monate mit Reichls Wirbelsäulentherapie experimentierte, begann ich, die Übungen von meiner Matte in den Alltag zu übertragen. Ich hatte im März 2024 angefangen, jeden Morgen zehn Minuten zu investieren – manchmal auch gar nicht, wenn Blasius meinte, die Matte sei sein neues Revier. Aber die Prinzipien sickerten langsam ein. Ich lernte, dass Entlastung nicht bedeutet, sich noch gerader zu machen, sondern Raum zu schaffen.

Ein entscheidender Wendepunkt war die Erkenntnis über das „bewusste Gehen“. Anstatt wie ein Zinnsoldat an der Elbe entlangzumarschieren, probierte ich etwas aus, das im ersten Moment völlig kontraproduktiv klang: ein leichtes, fast unmerkliches Rundrücken-Gehen im unteren Bereich. Nicht so, dass ich bucklig wirke, sondern so, dass ich die Spannung aus dem Hohlkreuz nehme. Es geht darum, das Becken ganz leicht zu kippen, damit die Lendenwirbelsäule nicht wie eine zusammengepresste Ziehharmonika fungiert, sondern sich nach hinten weiten kann. Es ist, als würde man ein zu enges Buchregal ein Stück weiter auseinanderziehen, damit die Bände wieder atmen können.

Dieses „Raumschaffen“ wurde mein Begleiter. Wenn ich heute von Altona Richtung Övelgönne laufe, achte ich nicht mehr darauf, wie ich aussehe, sondern wie es sich anfühlt. Ich stelle mir vor, dass zwischen jedem meiner 24 Wirbel eine kleine Luftschicht entsteht. Das ist ein mentaler Trick, sicher, aber mein Körper reagiert darauf. Die muskuläre Ermüdungsstarre, die mich früher nach dreißig Minuten auf die Bank zwang, bleibt aus. Wenn du ähnliche Erfahrungen machst, besonders nach langen Tagen im Stehen, könnte meine Routine gegen morgendliche Steifheit ein guter Anfang sein, um überhaupt erst einmal wieder ein Gefühl für die eigene Beweglichkeit zu bekommen.

Der Spazierweg an der Elbe in Hamburg mit Hafenkränen im Hintergrund bei sanftem Licht.

Ein Juli-Nachmittag und der unsichtbare Faden

Letzten Juli, an einem dieser schwülen Nachmittage, an denen die Luft über dem Asphalt flimmert, hatte ich dieses Erlebnis, das ich in mein Heft unter der Überschrift „Der Klick“ notiert habe. Ich war seit einer Stunde unterwegs. Normalerweise der Zeitpunkt, an dem die Schmerzen anklopfen. Aber anstatt den Schmerz zu erwarten, konzentrierte ich mich auf meine Atmung und das Gefühl von Länge. Es war das plötzliche Gefühl von „Länge“ im Rücken, als würde jemand an einem unsichtbaren Faden meinen Scheitel sanft Richtung Hamburger Himmel ziehen, während meine Füße gleichzeitig schwer und sicher auf dem Boden blieben.

Dieses Gefühl entsteht nicht durch Muskelkraft, sondern durch das Loslassen der inneren Anspannung. Wer wie ich vier Tage die Woche neun Stunden im Laden steht, neigt dazu, den Rücken als einen festen Block zu betrachten, der alles halten muss. Aber beim Gehen muss die Wirbelsäule fließen. In der Wirbelsäulentherapie nach Reichl geht es oft genau darum: die Dekompression. Den Druck rauszunehmen, den wir uns oft selbst durch falsche Vorstellungen von „Haltung“ auferlegen. Es hat mein ganzes Verständnis von Bewegung verändert. Wer tiefer in diese philosophische und körperliche Sichtweise eintauchen möchte, dem kann ich nur ans Herz legen, wie sehr das Buch Phänomen Leben meine Sicht auf chronische Rückenschmerzen änderte – es war für mich der theoretische Unterbau zu dem, was ich auf der Matte und auf dem Asphalt spürte.

Was ich gelernt habe (und was nicht funktioniert)

Natürlich klappt das nicht immer. Es gibt Sonntage, da bin ich so platt von der Woche in der Buchhandlung, dass ich gar nicht erst losgehe. Da bleibt die Matte zusammengerollt und das einzige, was ich bewege, ist die Teetasse. Und das ist okay. Die Wirbelsäulentherapie ist kein Allheilmittel, das man einmal schluckt und dann ist alles gut. Es ist eine Praxis. Eine Übung in Ehrlichkeit gegenüber dem eigenen Körper.

Hier sind ein paar Dinge, die mir beim Spazierengehen konkret helfen:

Ich bin keine Ärztin, und wenn du wirklich fiese, ausstrahlende Schmerzen hast, solltest du unbedingt einen Orthopäden oder eine Fachperson aufsuchen, bevor du mit irgendwelchen Übungen beginnst. Aber für mich, die Buchhändlerin aus Altona, war dieser Weg der kleinen, bewussten Schritte der Schlüssel, um die Elbe wieder genießen zu können.

Jetzt ist der Tee fast leer, und Blasius hat sich auf meine Füße gelegt. Das Leinen-Heft ist für heute vollgeschrieben. Es ist kein Ratgeber, den ich hier verfasse, sondern ein Protokoll des Wieder-Heil-Werdens. Ein Spaziergang nach dem anderen. Ohne Werbesprache, ohne Versprechen, aber mit viel mehr Raum zwischen meinen 24 Wirbeln als noch vor einem Jahr. Und das ist, finde ich, eine ziemlich gute Geschichte für einen Sonntagabend.

Bitte beachten: Hier auf der Seite teile ich, was ich selbst durchgemacht habe -- kein medizinischer, finanzieller oder rechtlicher Ratschlag. Was bei mir funktioniert hat, muss bei dir nicht funktionieren. Sprich mit deinem Arzt, Steuerberater oder Anwalt, bevor du Entscheidungen triffst, die wirklich zählen.

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