Die Brustwirbelsäule mobilisieren für eine aufrechte Haltung im Alltag

Die letzte Bücherkiste schiebe ich mit dem Knie die Lagertreppe hoch, beide Hände voll, und oben bleibe ich nicht stehen, um durchzuatmen oder die Schultern zurechtzurücken. Genau das ist für mich der eigentliche Test für eine bessere Haltung: nicht die Pose vor dem Spiegel, sondern die Bewegung mitten in der Auslieferung. Meine Brustwirbelsäule beweglicher zu halten, hat weniger mit einer speziellen Mobilisationsübung zu tun als mit genau diesen kleinen Momenten der Alltagsbewegung zwischen Kisten, Leiter und Kassenband. Rückengesundheit fängt bei mir nicht auf der Matte an, sondern mitten im Packpapier.

Wer über schlechte Haltung im Stehen oder Sitzen spricht, bekommt fast immer denselben Ratschlag zu hören: Schultern zurück, Brust raus, Bauch rein. Ich bin dem lange gefolgt, in der festen Überzeugung, so ließe sich der Buchhandels-Buckel wegdrücken. Was dabei wirklich passiert, ist das Gegenteil von Aufrichtung: ein Muskelkorsett, das die Brustwirbelsäule in eine feste Form presst, statt ihr die Bewegung zurückzugeben, die ihr eigentlich fehlt.

Der Bereich zwischen den Schulterblättern verhält sich dabei anders als der Rest des Rückens: Unsere Brustwirbelsäule lässt sich nicht durch reines Anspannen in eine bessere Form zwingen, sie will bewegt werden, nicht fixiert. Genau da liegt der Denkfehler, den ich lange mit mir herumgetragen habe: Ich habe Haltung mit Stabilität verwechselt, dabei ist Haltung eher ein Gleichgewicht aus Spannung und Loslassen.

Eine Hand greift im Buchladen nach einem schweren Buch im obersten Regal - Alltagsbewegung, die die Brustwirbelsäule fordert

Der Irrtum vom militärischen Geradestehen

Militärisch gerade zu stehen fühlt sich im ersten Moment sogar nach Erfolg an, weil die Schultern sichtbar tiefer sitzen und der Bauch flacher wirkt. Nach ein paar Minuten kippt das um: Der Nacken wird hart, der Kiefer spannt mit, und irgendwo zwischen den Schulterblättern meldet sich derselbe störrische Widerstand zurück, den die Haltung eigentlich lösen sollte. Halten ist eben nicht dasselbe wie Aufrichten, das ist der Kern des Missverständnisses. Genau das deckt sich mit dem, was mir die Wirbelsäulentherapie immer wieder zeigt: Nicht die Muskelkraft von außen zählt, sondern das Zulassen der Bewegung, die im Wirbel selbst stecken will.

Daran erkennst du, ob du hältst oder wirklich loslässt

Ein einfaches Zeichen hilft mir dabei: Wenn ich beim Geradehalten unwillkürlich die Luft anhalte oder die Zähne zusammenbeiße, drücke ich von außen gegen etwas, das sich von innen öffnen müsste. An der Kasse merke ich das besonders deutlich. Sobald mein Kopf wieder näher an den Bildschirm rutscht, halte ich kurz inne und gebe der Brustwirbelsäule bewusst etwas Raum, statt die Schultern zusätzlich zurückzuziehen.

Auf dem Nachhauseweg über den Spritzenplatz im Schanzenviertel sehe ich mich manchmal kurz im Schaufenster spiegeln, und genau da fällt mir auf, ob ich noch mit hochgezogenen Schultern unterwegs bin oder ob der obere Rücken wirklich offen bleibt. Das ist ehrlicher als jeder Blick in den Spiegel zu Hause, weil ich in dem Moment gar nicht an Haltung denke, sondern nur nach Hause will.

Ich erzähle das gelegentlich im Treppenhaus meiner Nachbarin Finja Tiedemann, die im zweiten Stock wohnt und selbst Physiotherapeutin ist. Sie hört dann höflich zu, ohne mir auch nur eine einzige Korrektur vorzuschlagen, obwohl sie vermutlich sofort sähe, was ich falsch mache.

Einlegesohlen halfen nicht, weil das Problem woanders lag

Ergonomische Einlegesohlen für den langen Arbeitstag waren mein erster Versuch, das Ziehen zwischen den Schulterblättern in den Griff zu bekommen, weil mir eine Verkäuferin im Sanitätshaus erklärte, bei stundenlangem Stehen fange vieles im Fuß an. Ein Freitagnachmittag im Lager hat mir gezeigt, wie falsch diese Fährte war: Die Sohlen lagen längst in meinen Schuhen, und trotzdem saß der Widerstand zwischen den Schulterblättern genauso fest wie vorher, während ich Kartons stapelte. Das Problem lag nicht unter den Füßen, sondern in der Beweglichkeit weiter oben, in genau dem Bereich, der stur bleibt, wenn man ihn nur von unten stützt. Wie der Rücken generell auf langes Stehen im Verkauf reagiert, wäre nochmal ein eigenes Thema, aber bei mir hängt die Kompensation sichtbar mit der Brustwirbelsäule zusammen.

Anatomische Darstellung der Brustwirbelsäule neben einem Stapel Bücher auf einem Holztisch - Mobilisation und Rückengesundheit im Buchhandelsalltag

Der Brustwirbelsäule Raum geben, ohne sie zu drücken

Raum zu geben klingt nach wenig, ist aber der Unterschied zwischen einer Übung, die hilft, und einer, die nur neue Anspannung erzeugt. Bei der monatlichen Rückenrunde in Altona sagte Thordis Benner neulich genau das, was ich mir eigentlich selbst hätte sagen sollen: Sie hat ein untrügliches Gespür dafür, wenn jemand seine Fortschritte schönredet, und fragte nur trocken, ob das mit dem Raumgeben nicht ein bisschen sehr nach Erleuchtung klinge. Sie hat recht, und ich nehme mir das zu Herzen: Es ist keine Erleuchtung, eher so, als würde man eine klemmende Schublade nicht mit Gewalt, sondern mit ein bisschen Wackeln wieder gängig machen.

Manche Verbindungen reichen dabei weiter, als man beim ersten Ziehen im Rücken denkt. Ein paar der Übungen, die mir dabei helfen, habe ich in einem früheren Eintrag über Wirbelsäulentherapie Übungen für einen leichteren Alltag in der Buchhandlung schon beschrieben, deshalb gehe ich hier nicht noch einmal jede einzelne durch. Wenn oben nichts nachgibt, zieht unten häufig der Rücken die Last mit, das ist bei mir seit 2022 die bekannteste Überlastungsspirale meines eigenen Kreuzes. Manchmal wandert das Ziehen sogar bis ins Iliosakralgelenk, aber das ist ein eigenes Kapitel für sich, das an dieser Stelle zu weit führen würde. Meine zehn Minuten am Morgen sind dabei eher Routine als gezielte Übung, ein kurzer Anlauf, bevor der Verkaufstag mich einholt. Mit klassischer Physiotherapie hat das Ganze eher wenig zu tun, es ist eher eine andere Art hinzuschauen als eine Behandlung im engeren Sinn. Manchmal fühlt sich die Bewegung zwischen den Wirbeln eher nach Faszienarbeit an als nach klassischer Kräftigung, auch wenn ich das selbst nie ganz genau auseinanderhalten kann.

Früher hätte mich so ein Ziehen eher vorsichtig gemacht, aus Sorge, etwas noch schlimmer zu machen, und genau diese Vorsicht kann einen ganz eigenen Kreislauf in Gang setzen, der eher lähmt als schützt, aber das ist ein Thema für einen anderen Text.

Am Ende zählt das Zulassen, nicht das Kommando

Die Regel, die bei mir hängen geblieben ist, klingt unspektakulär: Aufrichtung ist kein Kommando an die Muskulatur, sondern eine Einladung an die Wirbelsäule, sich zu bewegen. Wenn eine Übung sich nach Anstrengung im Nacken oder Kiefer anfühlt, mache ich sie kleiner oder lasse sie ganz weg, statt durchzuhalten, weil ich glaube, dass mehr Kraft mehr Wirkung bedeutet. Und wenn sich nach einer Bewegung Weite zwischen den Rippen anfühlt, ohne dass ich irgendwo festgehalten habe, weiß ich, dass ich auf der richtigen Spur bin.

Blick aus dem Fenster auf die Elbe bei Dämmerung mit einer Tasse Tee - ruhiger Moment nach einem Tag mit viel Alltagsbewegung und Haltungsarbeit

Ein Versprechen mache ich hier bewusst nicht: dass diese paar Beobachtungen jeden Buchhandels-Buckel auflösen oder aus mir eines Tages eine Frau mit Bühnenhaltung machen. Was ich sagen kann, ist nur, dass sich der Unterschied zwischen Halten und Loslassen inzwischen so deutlich anfühlt, dass ich ihn kaum noch übersehen kann, egal ob an der Leiter, am Kassenband oder mitten zwischen den Kisten im Lager.

Bitte beachten: Hier auf der Seite teile ich, was ich selbst durchgemacht habe -- kein medizinischer, finanzieller oder rechtlicher Ratschlag. Was bei mir funktioniert hat, muss bei dir nicht funktionieren. Sprich mit deinem Arzt, Steuerberater oder Anwalt, bevor du Entscheidungen triffst, die wirklich zählen.

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