
Draußen über der Elbe mischt sich das Grau des Regens mit dem ersten fahlen Licht der Abenddämmerung, und unten am Kai ziehen die Kräne ihre langsamen Kreise. Es ist Sonntagabend in Altona, die Zeit, in der die Große Elbstraße zur Ruhe kommt und ich in meiner Küche sitze, den Wasserkocher im Rücken und mein leinenes Heft vor mir auf dem Tisch. Blasius, mein schwarzer Kater, hat sich bereits strategisch auf der zusammengerollten Matte platziert, die eigentlich für meine zehn Minuten Mobilisation gedacht war – er scheint zu spüren, dass mein unterer Rücken nach dieser Woche ein wenig mehr Aufmerksamkeit braucht als sonst.
Neun Stunden auf den Beinen: Der Preis der Literatur im Juni 2026
Seit nunmehr neun Jahren stehe ich in meiner kleinen Literaturbuchhandlung. Ich kenne das Gewicht von Hanser-Paketen, die Schärfe von Papierkanten und das dumpfe Echo, wenn die rollende Leiter gegen das oberste Regal schlägt. Aber vor allem kenne ich dieses Ziehen. Es beginnt meistens gegen drei Uhr nachmittags, ein schleichender Druck in der Lendenwirbelsäule, der sich anfühlt, als würde jemand von innen an meinen Wirbeln ziehen. In dieser ersten Juniwoche war es besonders deutlich; wir hatten eine Sonderlieferung schwerer Bildbände bekommen, und die Kundin, die jeden Donnerstag nach ihrem Doppelgänger-Band sucht, war diesmal besonders ausgiebig in den Gängen unterwegs.
Wenn ich dann abends nach Hause komme, ist der erste Impuls oft: Einfach nur lang machen. Ich erinnere mich, wie ich früher versucht habe, mich mit Gewalt in die Vorbeuge zu zwingen, die Fingerspitzen krampfhaft Richtung Boden gestreckt, in der Hoffnung, den Schmerz einfach 'wegzudehnen'. Heute weiß ich, dass das oft genau der falsche Weg war. Es ist, als würde man ein altes, sprödes Buch mit Gewalt aufschlagen – man riskiert, dass der Buchrücken bricht, anstatt dass sich die Seiten sanft öffnen. Ich bin keine Physiotherapeutin und habe keine medizinische Ausbildung, nur neun Jahre Erfahrung mit dem Stehen und zwei Jahre mit einer Therapie, die mir beigebracht hat, genauer hinzuspüren.

Warum statisches Halten oft nur die halbe Wahrheit ist
In meinem Heft habe ich über die letzten Monate notiert, dass mein Körper nach einem langen Tag im Laden nicht nach statischer Dehnung verlangt, sondern nach Raum. Wenn man neun Stunden steht, sind die Muskeln nicht einfach nur kurz, sie sind festgemauert in einer Haltefunktion. Wenn ich sie dann statisch dehne, reagiert mein Nervensystem oft mit Gegenspannung. Es ist ein faszinierendes, wenn auch manchmal frustrierendes Zusammenspiel. Ich habe früher viel ausprobiert, auch Yoga-Klassen im Schanzenviertel, aber oft fühlte ich mich danach eher instabiler als befreit.
In einem meiner Einträge vom letzten Jahr habe ich darüber nachgedacht, warum Yoga bei chronischen Rückenschmerzen im unteren Rücken nicht ausreicht, zumindest nicht in der Form, wie ich es damals praktiziert habe. Es fehlte die gezielte Ansteuerung der Wirbelkörper. Heute nutze ich eher dynamische Bewegungen, die die Zwischenräume belüften, anstatt nur an den Sehnen zu ziehen. Es ist ein sanftes Wiegen, ein Mobilisieren der Faszie, das sich viel natürlicher anfühlt. Wenn Blasius mich dabei beobachtet, wie ich auf der Matte meine Beckenkippungen mache, sieht das für ihn wahrscheinlich aus wie eine sehr langsame Jagdvorbereitung.
Die Inventur-Erfahrung und der 'Aha-Moment' im Lager
Ein konkreter Moment in dieser Woche war der Dienstag. Ich verbrachte fast den ganzen Vormittag im Lager, um die Rückläufer für den Hanser-Verlag zu sortieren. Das bedeutet: Bücken, Heben, Drehen, alles auf engstem Raum zwischen Kisten und der alten Waagenwippe, die wir als Deko im Schaufenster haben. Früher hätte mich dieser Vormittag für den Rest der Woche schachmatt gesetzt. Aber ich habe gelernt, kleine 'Dehn-Inseln' einzubauen. Nicht die großen Übungen, für die man eine Matte braucht, sondern winzige Korrekturen der Körpermitte während des Scannens.
Manchmal klappt das hervorragend, und ich fühle mich abends fast leicht. Und manchmal, so wie letzten Freitag, vergesse ich alles. Da war der Laden voll, drei Kunden gleichzeitig wollten Beratung zu Romanen mit älteren Erzählerinnen (mein Lieblingsthema), und am Ende des Tages fühlte sich mein Rücken an wie ein schlecht gebundenes Taschenbuch. Das ist die Realität. Es gibt keine Wunderheilung, nur die Beständigkeit des Hinsehens. Ich schreibe das hier nicht als Expertin, sondern als jemand, der lernt, mit den Signalen des eigenen Körpers zu leben. Bevor man jedoch selbst mit Übungen experimentiert, sollte man unbedingt einen Orthopäden aufsuchen, um sicherzugehen, dass nichts Strukturelles vorliegt.

Kleine Fluchten zwischen Kasse und Regal
Was ich in meinem Sonntagsheft immer wieder betone, sind die Momente, die man nicht sieht. Es sind die Sekunden, in denen ich an der Theke stehe und den Bondrucker beobachte:
- Ein bewusstes Entlasten der Fersen, indem ich das Gewicht minimal auf die Außenkanten verlagere.
- Das sanfte Einziehen des Nabels, wenn ich die schweren Bildbände vom obersten Brett der Leiter hole.
- Das Ausschütteln der Beine, während ich im Lager auf das Wasser für den Tee warte.
Es geht weniger um die perfekte Übung, sondern um das Ende der Starre. Wenn ich jetzt sonntags meine Matte ausrolle, ist es kein Pflichtprogramm mehr. Es ist ein Nachhausekommen in den eigenen Körper. Ich merke oft erst beim Üben, wo der Stress der Woche sich festgesetzt hat – manchmal ist es die rechte Hüfte, manchmal ein Ziehen, das bis ins Bein ausstrahlt. In solchen Momenten erinnere ich mich an meine Notizen über den Ischiasnerv und wie man ihn sanft entlastet, ohne in den Schmerz hineinzugehen.
Warum die Beständigkeit wichtiger ist als die Perfektion
Es ist jetzt fast Nacht in Altona. Der Tee ist getrunken, Blasius ist auf meinen Schoß umgezogen und schnurrt gegen die Vibrationen meines Schreibens an. Ich schaue auf die vergangenen 27 Monate zurück, seit ich im März 2024 mit dieser speziellen Wirbelsäulentherapie begonnen habe. Es gab Wochen, in denen ich die Matte nicht einmal berührt habe. Wochen, in denen ich dachte, es bringt alles nichts. Aber wenn ich heute mein Heft durchblättere, sehe ich einen roten Faden.
Ich verstehe heute viel besser, warum die Wirbelsäulentherapie Übungen für zuhause bei mir endlich funktionieren – nicht weil sie magisch sind, sondern weil sie in meinen Alltag passen, zwischen Bücherstapel und Küchentisch. Es ist eine ehrliche Arbeit, so wie das Sortieren eines gut geführten Lagers. Man muss dranbleiben, auch wenn es regnet, auch wenn der Rücken zieht, auch wenn man eigentlich nur auf das Sofa will.
Nächste Woche steht eine Lesung an, das bedeutet wieder viel Stehen, viel Vorbereiten, viel Bewegung. Aber ich habe keine Angst mehr davor. Ich weiß, dass ich am nächsten Sonntagabend wieder hier sitzen werde, mit meinem Heft und meinem Kater, und die Woche aus den Knochen schütteln werde. Ich bin keine Heilerin, nur eine Buchhändlerin, die gelernt hat, dass man die Geschichte seines Rückens jeden Tag ein Stückchen mitschreiben kann.