
Wie viele Rückenübungen passen eigentlich in eine Küche, die kaum breiter ist als der Flur zur Bücherwand? Ich frage das nicht rhetorisch, ich hatte lange keine Antwort, nur eine Morgenroutine, die ständig am Platzmangel scheiterte, und einen Alltag im Buchhandel, der mir jeden Tag bewies, dass mein Rücken sich nicht um meine Quadratmeterzahl schert.
Die kurze Antwort, falls du es eilig hast: Man braucht keine Trainingsfläche, sondern eine feste Reihenfolge, die auch im Halbschlaf funktioniert. Bei mir sind das drei Schritte, die ich nacheinander mache, egal wie viele Zentimeter gerade frei sind zwischen Tisch und Regal.
Warum Platzmangel in der Wohnung keine Ausrede mehr ist
Wer in einer Wohnung lebt, in der jedes zweite Möbelstück ein Regal ist, lernt zwangsläufig, mit wenig auszukommen. Mein Arbeitsalltag in der Großen Elbstraße verlangt mir das Gegenteil ab: vier Tage die Woche, neun Stunden an der Theke, dazu Leitern, Kisten und ein Rücken, der sich abends anfühlt wie ein Buchrücken, der zu oft aufgeklappt wurde.
Bevor die Wirbelsäulentherapie überhaupt eine Rolle spielte, hatte ich es mit ergonomischen Einlegesohlen versucht; eine Kollegin schwor monatelang darauf, dass die den Druck vom Rücken nehmen. Bei mir hat sich nichts verändert, weder beim Stehen an der Kasse noch beim Tragen der Bücherkartons, auch wenn ich mir seither öfter in Erinnerung rufe, wie man im Buchhandel richtig hebt.
In der Wirbelsäulentherapie nach Reichl, über die ich an anderer Stelle ausführlicher schreibe, ging es mir am Anfang vor allem um meine Wirbelsäulentherapie Erfahrungen mit Beständigkeit auf kleinem Raum, nicht um große Bewegungen. Warum der untere Rücken im Alltag überhaupt so schnell überlastet, ist ein eigenes Thema, das an anderer Stelle seinen Platz hat.

Meine Drei-Phasen-Morgenroutine auf kleinstem Raum
Mein Wecker klingelt inzwischen etwas früher, nicht weil ich das mag, sondern weil zehn Minuten sonst nirgendwo im Tag Platz finden. Bevor ich überhaupt an den ersten Bestellschein denke, schiebe ich den Tisch ein kleines Stück beiseite und habe damit genug Fläche.
Die erste Phase ist die Mobilisation im Vierfüßlerstand: Wirbel für Wirbel wach machen, ohne Eile, ohne Ziel außer der Bewegung selbst. Die zweite Phase ist die isometrische Rotation, da der Platz für große Drehungen fehlt, arbeite ich gegen den eigenen Widerstand statt mit Schwung, und genau da knackt es meistens leise im Rücken. Die dritte Phase ist die vertikale Elongation an der Wand hinter dem Regal: nicht breiter werden, sondern länger. In einer kleinen Wohnung ist oben oft die einzige Richtung, die frei bleibt.
Blasius kratzt in diesem Moment fast immer mit den Pfoten am Fensterbrett über mir, als würde er die dritte Phase kommentieren wollen. Faszientraining bei chronischen Verspannungen ist noch mal eine andere Geschichte, die ich hier nicht aufmache, genauso wenig wie die Frage, wie man langes Stehen im Verkauf sonst noch ausgleicht.
Mehr braucht die Routine nicht.

Was hat sich nach vier Wochen wirklich verändert?
In der vierten Woche passierte etwas, das mir mehr sagte als jede einzelne Übung für sich. Eine halbe Stunde stand ich am Kassenband, schob Bücher aus der Kiste in Tüten, Kundin nach Kundin, und erst als die Schlange endlich abriss, fiel es mir auf: Meine Hüfte war die ganze Zeit gerade geblieben, kein einziges Mal schräg.
Meine Nachbarin Finja, die im zweiten Stock über mir wohnt und in Eimsbüttel als Physiotherapeutin arbeitet, tauchte in derselben Woche mit einer Tüte Kuchenresten von der Arbeit auf, während ich gerade die Matte wieder zusammenrollte. Sie hält sich mit Ratschlägen zurück, solange ich nicht danach frage, aber sie sah wohl, dass ich lächelte, ohne dass sie fragen musste, warum.
Seit dieser Woche merke ich den Unterschied inzwischen auch nachts, ich kann besser schlafen mit Rückenschmerzen, wenn der Morgen vorher stimmt. Das war keine Erleuchtung, eher eine Verschiebung, die sich über Wochen angesammelt hat und dann an einem stinknormalen Nachmittag sichtbar wurde.
Rollt die Matte aus, auch an Tagen ohne Zeit
Nicht jede Woche läuft so sauber. Letzten Mittwoch zum Beispiel kam die Lieferung vom Hanser-Verlag schon um sieben, und ich bin ungeduscht und ohne eine einzige Übung ins Lager gerannt, um die Kisten vor Ladenöffnung wegzuräumen. Am Nachmittag, als ich mich zur obersten Reihe strecken musste, war das Ziehen wieder da, unübersehbar und ein bisschen beleidigt.
Die Lehre, die bei mir hängen geblieben ist: Zehn Minuten wirken nur, wenn sie einen festen Platz im Ablauf haben, nicht wenn sie auf eine zufällig freie Minute warten. Ein Rücken merkt den Unterschied zwischen Absicht und Zufall ziemlich genau.
Blasius schläft schon, als ich das Heft zuklappe. Die Wohnung ist still, der Tisch steht wieder an seinem Platz, und morgen ist wieder so ein Tag, an dem die freie Fläche zwischen Regal und Tisch reichen muss, und reichen wird.