Hexenschuss ohne Medikamente: Mein Weg zurück an die Theke in der Großen Elbstraße

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Es ist Sonntagabend, der 1. Juni 2026. Draußen über der Elbe hängt dieser milchige Dunst, den wir in Hamburg so gut kennen, und die Kräne im Hafen wirken wie erstarrte Dinosaurier im fahlen Licht. Ich sitze an meinem Küchentisch in Altona, vor mir mein Leinen-Heft und ein Becher Tee, der langsam kalt wird. Blasius, mein schwarzer Kater, hat es sich auf der zusammengerollten Matte zwischen dem Regal mit den Lyrikbänden und dem Kühlschrank gemütlich gemacht. Er weiß genau, dass heute die Zeit für meine Notizen ist.

Hinweis: In meinen Sonntagsnotizen erzähle ich von meinem ganz persönlichen Weg. Einige Links hier sind Affiliate-Links. Wenn du darüber einen Kurs buchst, bekomme ich eine Provision – dein Preis ändert sich dadurch nicht. Ich schreibe nur über die Kurse, die ich selbst gekauft und hier in meiner Küche mit meinem Heft durchgearbeitet habe. Ich bin keine Ärztin oder Physiotherapeutin, sondern Buchhändlerin. Meine Erfahrungen ersetzen keinen medizinischen Rat. Wenn es bei dir im Rücken knallt, klär das bitte unbedingt erst mit einer Praxis ab, bevor du selbst Hand anlegst.

Wenn die Didion-Ausgabe zum Schicksal wird

Ich muss an den März zurückdenken. Es war einer dieser grauen Sonntage, an denen man sich eigentlich nur verkriechen möchte. Ich wollte nur nach einer Ausgabe von Joan Didion greifen, die mir hinter den Beistelltisch gerutscht war. Ein kurzes, elektrisches Knallen im Lendenbereich – und die Welt blieb stehen. Wer das schon mal erlebt hat, weiß: Ein Hexenschuss ist keine bloße Verspannung. Es fühlt sich an, als hätte jemand den Hauptschalter deiner Statik umgelegt und das Kabel danach kurzgeschlossen.

Da lag ich nun auf den Dielen, starrte auf die Staubflocken unter dem Regal und wusste: Morgen früh wartet die Buchhandlung in der Großen Elbstraße. Neun Stunden stehen, Kisten auspacken, auf die Leiter steigen, um die oberen Fachböden zu bestücken. Mit 36 Jahren und nach neun Jahren im Buchhandel kennt man seinen Körper eigentlich, aber dieser Schmerz war neu. Er war absolut. Und mein erster Gedanke war nicht die Matte, sondern der Medizinschrank. Doch ich hasse diesen wattierten Schleier, den starke Schmerzmittel über mein Denken legen. In der Buchhandlung muss ich präsent sein. Wenn jemand nach 'dem Buch mit dem gelben Cover, in dem es um einen Hund geht' sucht, brauche ich einen klaren Kopf.

Bücherstapel neben einer Übungsmatte auf Holzdielen in einer Hamburger Wohnung.

Der Schutzwall des Körpers: Mehr als nur Schmerz

In den Wochen nach diesem Vorfall habe ich viel in meinem Heft notiert. Ich habe gelernt, dass das, was wir Hexenschuss nennen, oft ein massiver Schutzspasmus der Muskulatur ist. Der Körper macht dicht, weil er eine Verletzung befürchtet. Es ist ein biologischer Sicherheitsmechanismus, der allerdings im modernen Alltag – besonders zwischen Bücherwagen und Kasse – denkbar unpraktisch ist. Ich hatte bereits früher über meine Wirbelsäulentherapie Erfahrungen bei Schmerzen im unteren Rücken geschrieben, aber dieser akute Moment im März war die echte Feuerprobe.

Ich erinnerte mich an eine Kundin, die jeden Donnerstag kommt. Sie sucht seit Monaten nach einem bestimmten Doppelgänger-Band, den wir einfach nicht finden können. Sie läuft immer etwas gebeugt, die Hand im Kreuz. Letzte Woche erzählte sie mir, dass sie bei Schmerzen sofort zu Spritzen greift, weil sie als Alleinerziehende keine Wahl habe. Das hat mich nachdenklich gemacht. Wir Buchhändler sind ja auch so 'Steh-Menschen'. Wir funktionieren, bis es nicht mehr geht. Aber was, wenn das 'Funktionieren' eigentlich nur ein Betäuben ist?

Der sanfte Einstieg auf der Matte

In jener Woche im März habe ich die Matte nicht ausgerollt, um Sport zu machen. Ich habe sie ausgerollt, um zu atmen. Ich habe angefangen, mich wieder mit der Wirbelsäulentherapie [Mein Einstieg] zu beschäftigen. Was mir an diesem Kurs gefällt, ist die Ruhe. Es ist kein hektisches Workout, sondern ein Verstehen. Der Physiotherapeut, der das Ganze leitet, hat Jahrzehnte an Erfahrung, und das spürt man in jedem Satz. Er erklärt nicht nur Übungen, er erklärt den Körper als System.

Ich habe in jenen Tagen gelernt, dass absolute Bettruhe oft das Schlimmste ist. Der Rücken versteift noch mehr. Stattdessen sind es Mikrobewegungen. Winzige Impulse im Becken, die den Muskeln signalisieren: 'Es ist okay, du darfst loslassen.' Es hat Tage gedauert, bis ich mich wieder traute, eine Kiste mit Neuerscheinungen vom Diogenes Verlag anzuheben. Dabei habe ich peinlich genau darauf geachtet, was ich im Kurs über das richtige Heben bei Rückenschmerzen im Job als Buchhändlerin oder im Lager gelernt hatte. Es geht nicht um Kraft, es geht um den Winkel und das Vertrauen in die eigene Mitte.

Handgeschriebene Notizen im Leinenheft über Rückentherapie und Alltagserfahrungen.

Woche 12 nach dem Knall: Eine Bestandsaufnahme

Heute, fast drei Monate später, ist der Schmerz weg, aber die Aufmerksamkeit ist geblieben. Mein Rücken ist zu einem Frühwarnsystem geworden. Wenn ich merke, dass ich an der Kasse die Schultern hochziehe oder das Gewicht nur auf einen Fuß verlagere, korrigiere ich mich fast automatisch. Es ist eine Form der Körper-Ehrlichkeit, die ich früher nicht hatte. Früher habe ich den Schmerz wegignoriert, bis er mich auf die Dielen zwang.

Manchmal, wenn der Laden am späten Nachmittag voll ist und die Luft stickig wird, spüre ich dieses alte Ziehen wieder. Dann mache ich eine kurze Pause im Lager, lehne mich gegen den alten Bücherwagen und mache zwei Minuten diese unsichtbaren Übungen. Niemand sieht es, aber mein Kreuzbein dankt es mir. Es ist faszinierend, wie wenig Platz man eigentlich braucht. Zehn Minuten am Morgen, bevor ich das erste Mal den Wasserkocher anschalte, reichen oft aus. Blasius schaut mir dann meistens mit einer Mischung aus Desinteresse und Mitleid zu, während er auf sein Futter wartet.

Ich habe in dieser Zeit auch angefangen, mich mit dem Kurs Phaenomen Leben [Weite] zu beschäftigen. Er ist ganz anders als die reine Wirbelsäulentherapie. Es gibt keine Übungen zum Mitmachen, sondern Gedanken zum Mitnehmen. Wenn man den ganzen Tag in den engen Gängen einer Buchhandlung verbringt, verliert man oft den Blick für das Große und Ganze. Diese Audio-Module helfen mir, abends runterzufahren, wenn der Kopf noch voller Bestellnummern und Kundenwünsche ist. Es gibt dem körperlichen Training eine mentale Basis.

Wenn die Matte eingerollt bleibt

Ich will hier nichts beschönigen. Es gab Wochen im Mai, da habe ich die Matte kein einziges Mal berührt. Da war die Inventur, da waren die Rückläufer, und abends wollte ich einfach nur mit einem Glas Wein auf dem Sofa sitzen und eine alte Erzählung von Elizabeth Strout lesen. In diesen Wochen kam das Ziehen prompt zurück. Mein Körper verzeiht mir die Vernachlässigung nicht mehr so einfach wie mit 20. Und das ist eigentlich ein Geschenk, auch wenn es sich im ersten Moment wie eine Strafe anfühlt.

Ich erinnere mich an einen Dienstagabend, an dem ich fast weinend aus dem Laden ging, weil meine Lendenwirbelsäule sich anfühlte wie ein zusammengepresster Akkordeon-Balg. Ich hatte drei Tage nicht geübt. Ich hatte mich falsch bückend nach einem Kinderbuch im untersten Regal ausgestreckt. Da wurde mir klar: Diese zehn Minuten am Morgen sind keine Kür, sie sind die Steuer für meinen Beruf. Ich zahle sie gerne, um weiterhin zwischen den Büchern stehen zu können.

Blick aus dem Fenster auf die Hamburger Hafenkräne in der Abenddämmerung.

Ein Blick über die Elbe

Jetzt ist es fast dunkel. Blasius hat die Matte verlassen und fordert lautstark seine späte Mahlzeit ein. Ich klappe mein Heft gleich zu. Was habe ich gelernt in diesem halben Jahr seit dem großen Knall? Dass wir oft erst hinhören, wenn der Körper schreit. Ein Hexenschuss ist ein Schrei nach Aufmerksamkeit. Er zwingt uns in die Knie, damit wir wieder lernen, wie man richtig steht.

Für mich war der Weg ohne starke Medikamente der richtige, weil er mich gezwungen hat, die Verantwortung nicht an eine Tablette abzugeben. Die Wirbelsäulentherapie [Mein Einstieg] war dabei mein Geländer, an dem ich mich festgehalten habe, als ich mich selbst kaum bewegen konnte. Es ist kein Wunderheilmittel, aber es ist ein ehrliches Handwerkzeug. Genau wie eine gute Buchhandlung kein Amazon-Algorithmus ist – es braucht Zeit, Beratung und das richtige Gespür für den Moment.

Falls du gerade flachliegst und auf deine Staubflocken starrst: Es wird besser. Fang klein an. Ein Atemzug, eine winzige Bewegung im Becken. Und wenn du wieder stehen kannst, komm mal in der Großen Elbstraße vorbei. Wir haben gerade ein wunderbares neues Sortiment an Romanen mit älteren Erzählerinnen reinbekommen – Frauen, die wissen, dass das Leben Narben hinterlässt, aber dass man trotzdem aufrecht gehen kann.

Ich gehe jetzt füttern. Morgen früh um neun stehe ich wieder an der Theke. Ganz ohne Schleier im Kopf, dafür mit einem sehr bewussten unteren Rücken. Wir sehen uns zwischen den Regalen.

Bitte beachten: Hier auf der Seite teile ich, was ich selbst durchgemacht habe -- kein medizinischer, finanzieller oder rechtlicher Ratschlag. Was bei mir funktioniert hat, muss bei dir nicht funktionieren. Sprich mit deinem Arzt, Steuerberater oder Anwalt, bevor du Entscheidungen triffst, die wirklich zählen.

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