
Der Griff des Bücherwagens vibriert leicht unter meinen Händen, während ich ihn über die Fugen im Parkett zur Kasse schiebe, den Blick starr auf das Etikett gerichtet, das ich gerade mit dem Scanner einlese. Mein Nacken meldet sich sofort, dieses ziehende Brennen, das entsteht, wenn das Kinn zu lange Richtung Brust hängt. Nackenschmerzen sind für mich mittlerweile so etwas wie ein zweiter Kollege hinter der Theke, nicht ständig da, aber nie wirklich weg. Solange ich geradeaus schaue, spüre ich meine Halswirbelsäule kaum. Sobald der Blick nach unten wandert, meldet sie sich zuverlässig.
Über meinen unteren Rücken, der mich zieht und zerrt und sein eigenes Kapitel im Heft füllt, schreibe ich heute nicht. Heute geht es um das, was sich weiter oben abspielt.
Der Blick, der immer nach unten wandert
Neun Stunden am Tag verbringe ich an der Theke in der Buchhandlung in der Großen Elbstraße, dazwischen im Lager, wo die Remittenden-Kisten auf mich warten, und in der S3 nach Altona, wo ich kurz die Nachrichten checke, bevor der nächste Bahnhof kommt. Fast jede dieser Situationen zieht das Kinn nach unten, der Barcode, der Bestellschein, das Display der Kasse. Kaum eine zieht es nach oben. Über die Zeit hat sich das angesammelt wie die Bücherstapel im Lager, die keiner mehr richtig einsortiert.
Wie stark sich das im Nacken bemerkbar macht, hängt vom Winkel ab. Sinkt das Kinn nur leicht, ist es auszuhalten. Kippt der Kopf weiter nach vorne, wie beim Scannen der untersten Regalreihe oder beim Blick aufs Handy im Schoß, zieht es spürbar stärker, so als würde jemand von hinten sacht daran ziehen.

Warum drei Monate Physiotherapie nichts brachten
Bevor ich reichls Wirbelsäulentherapie überhaupt kannte, war ich bei einer Physiotherapeutin, die mir Wärmepflaster verschrieb und ein Blatt mit Standardübungen mitgab, die ich zuhause abarbeiten sollte. Drei Monate lang habe ich das brav gemacht, jeden zweiten Abend, mit Wärmepflaster im Nacken und der immer gleichen Übungsfolge. Am Ende war der Zug im Nacken noch da, unverändert, als hätte ich die Zeit auch mit einem Roman auf dem Sofa verbringen können.
Der Unterschied zu reichls Ansatz liegt weniger in einzelnen Übungen als in der Grundidee: Physiotherapie behandelt oft den akuten Punkt, während die Wirbelsäulentherapie eher nach dem größeren Muster im Alltag fragt, das den Punkt erst reizt.
Reichls Wirbelsäulentherapie zeigt einen anderen Weg
Lange dachte ich, gegen den Nacken hilft nur, sich zwanghaft aufzurichten, Brust raus, Schultern zurück, Kinn hoch, die klassische Haltung, die man uns früher beigebracht hat. Aber genau dieses aktive Geradehalten hat die Schmerzen bei mir eher verstärkt, weil die Muskulatur dabei in eine neue, ebenso unnatürliche Spannung rutscht. Man repariert einen Fehler nicht, indem man einen zweiten daneben baut.
Statt mich gerade zu machen, achte ich inzwischen darauf, wo der Widerstand im Alltag entsteht, und ziehe, wenn ich ein Buch lese oder einen Bestellschein prüfe, das Material eher zu mir hoch, als das Kinn zu senken. Die Brustwirbelsäule zu mobilisieren für eine aufrechte Haltung im Alltag war dabei überraschend hilfreich, denn der Nacken meldet oft nur, was eine Etage tiefer längst nicht mehr mitgeht, wenn ich auf Bücherrücken oder Kassendisplay schaue. Wenn die Basis starr bleibt, muss der Kopf oben alles ausgleichen, ungefähr so wie bei der alten Waagenwippe in unserer Auslage, bei der die eine Seite sofort unkontrolliert ausschlägt, sobald die andere klemmt.

Alltagsergonomie zwischen Kasse und Bücherregal
Ein paar kleine Verschiebungen sind es am Ende, die im Alltag etwas bringen. Den Monitor an der Kasse habe ich auf einen Stapel alter Kataloge gestellt, damit der Bildschirm auf Augenhöhe steht. Beim Einsortieren der unteren Regalböden versuche ich, mit den Augen zu rollen statt mit dem ganzen Kopf zu kippen, was am Anfang komisch aussah, aber inzwischen fast automatisch geht. Alle paar Stunden ziehe ich das Kinn kurz sanft ein, eine kleine Pause, die kaum jemand an der Kasse bemerkt, außer vielleicht Solveig Torp, die jeden zweiten Donnerstag hereinkommt und selbst neun Stunden täglich als Kassiererin steht.
Solveig hat mal gesagt, ihr Nacken kenne den Bildschirm ihrer Kasse besser als jedes Gesicht, das an ihr vorbeizieht. Seit unserem letzten Gespräch weiß ich auch, dass sie sich abends eine sanfte Abendroutine für den Rücken zum Abschalten nach einem langen Arbeitstag angewöhnt hat, um die Anspannung der Schicht nicht mit nach Hause zu nehmen.
Woche 5: der Wagen ohne Schulterhängen
Meine zehn Minuten am Morgen bleiben die verlässlichste Übung, auch wenn das nicht heißt, dass ich sie jeden Tag schaffe. Die Matte wohnt zusammengeklappt in der schmalen Lücke zwischen Bücherregal und Küchentisch, nah genug, dass ich sie im Vorbeigehen antippen könnte, und genau da bleibt sie oft tagelang liegen, bevor ich sie wirklich ausrolle. Eine ganze Woche im Mai ist sie so liegen geblieben, weil eine große Lieferung vom Diogenes Verlag mich vollständig überrollt hat.
In Woche 5 fiel mir zum ersten Mal auf, wie ich den Bücherwagen quer durch den Laden schob: Schultern unten, kein Hängen, kein Ziehen nach vorne, nur der Griff in den Händen und ein Rücken, der einfach mittrug. Kein großer Moment, eher ein beiläufiges Gefühl von Leichtigkeit, das ich erst beim zweiten Durchgang überhaupt bemerkt habe.
Auch der feste Knoten, der sich sonst zwischen Schulterblatt und Nacken festsetzt, hat sich in dieser Woche spürbar gelöst, ohne dass ich aktiv etwas Neues geübt hätte, als hätte das Gewebe einfach nachgegeben, weil weniger Widerstand da war, gegen den es sich wehren musste. Meine Freundin Ronja Stüber, die mir reichls Kurs überhaupt erst gezeigt hat, hat am Telefon so laut gelacht, als ich ihr davon erzählte, dass ich das Handy vom Ohr nehmen musste, eine Entschuldigung kam wie immer nicht hinterher.
Wie der Blick wieder nach vorn findet
Später am Abend sitze ich auf dem Balkon, die Elbe liegt breit und dunkel unter dem letzten Licht, ein Frachter zieht vorbei, sein Signal hallt kurz zwischen den Häusern. Das Leinenheft liegt geschlossen auf meinem Schoß, ich habe heute nicht mehr geschrieben, nur zugeschaut, wie das Licht wechselt. Was ich aus dieser Woche mitnehme, ist simpel genug, um es nicht zu vergessen: Der Nacken erinnert sich an jede einzelne Bewegung, nicht an gute Vorsätze. Wichtig ist, was Hände und Kopf tatsächlich tun, wenn ein Buch, ein Bildschirm oder ein Bestellschein vor mir liegt.
Falls du auch im Verkauf stehst oder lange auf einen Bildschirm oder ein Buch blickst, können Wirbelsäulentherapie Übungen für einen leichteren Alltag in der Buchhandlung schon reichen, um den Blick öfter nach vorn statt nur nach unten zu richten. Morgen stehe ich wieder an der Theke, aber ich achte darauf, dass die Bücher zu mir kommen, und nicht mein Nacken zu den Büchern.