
Draußen über der Elbe verblasst gerade das letzte Licht, und die Hafenkräne wirken wie unbewegliche Scherenschnitte gegen das Grau-Blau des Himmels. Es ist Sonntagabend in Altona, die Zeit, in der ich den Wasserkocher aufsetze und mein Leinen-Heft aufschlage. Das kühle Leinen des Notizbuchs unter den Fingerspitzen ist für mich mittlerweile wie ein Signal: Jetzt ist die Woche vorbei, jetzt darf ich hinschauen. In der Küche duftet es nach altem Papier von meinen mitgebrachten Remittenden und frischem Tee, während Blasius, mein schwarzer Kater, bereits auf der zusammengerollten Matte zwischen Bücherregal und Küchentisch thront.
Das Erbe der neun Jahre: Warum Stehen die Hüfte festmacht
In diesem Hochsommer 2026 merke ich wieder einmal, wie sehr die letzten neun Jahre im Buchhandel meinen Körper geformt haben. Wenn ich vier Tage die Woche für jeweils neun Stunden an der Theke stehe, Bücherstapel im Lager umschichte oder auf der Leiter die obersten Regale der Klassiker-Abteilung abstaube, komme ich auf stolze 36 Stunden reine Stehzeit pro Woche. Das ist kein Pappenstiel. Früher dachte ich immer, mein Rücken sei das Problem. Dieses dumpfe Ziehen im Kreuz, das mich seit etwa 2022 begleitet und sich durch keine klassische Physiotherapie dauerhaft wegzaubern ließ.
An einem regnerischen Dienstagabend im März, als ich den Schlüssel in der schweren Ladentür in der Großen Elbstraße umdrehte, fühlte sich meine Hüfte plötzlich wie ein eingerostetes Scharnier an. Es war nicht nur der Rücken; es war das gesamte Becken, das sich wie in Beton gegossen anfühlte. Ich bin keine Physiotherapeutin und gewiss keine Heilpraktikerin, aber als Buchhändlerin lernt man, zwischen den Zeilen zu lesen – auch bei seinem eigenen Körper. Ich verstand plötzlich, dass mein Rücken nur die Quittung für das liefert, was weiter unten, in der Hüfte, schiefläuft.

Der Denkfehler mit dem Dehnen: Wenn weniger mehr ist
Lange Zeit dachte ich, ich müsste einfach nur kräftig dehnen. Wenn die Hüfte steif ist, zieh dran, bis es wehtut, oder? Aber genau hier liegt der Hund begraben. Inzwischen weiß ich: Statisches Dehnen der Hüftbeuger nach einem langen Stehtag verschlimmert den Rückenschmerz oft. Die Muskulatur, allen voran der Musculus iliopsoas, steht nach neun Stunden auf den Beinen bereits unter maximaler Spannung. Wenn ich dann noch mit Gewalt daran ziehe, macht das System erst recht dicht. Es braucht Entspannung und sanfte Mobilisation statt aggressiver Dehnung.
Ich erinnere mich an eine Woche im letzten Juli, es war furchtbar schwül in Hamburg, und ich hatte kaum die Energie für meine morgendlichen zehn Minuten auf der Matte. Ich habe die Übungen einfach geschwänzt. Das Ergebnis war prompt: Ein stechender Schmerz bei jeder Drehung an der Kasse, wenn ich die schweren Bildbände vom Hanser-Verlag scannen wollte. Da wurde mir klar, dass die Kontinuität wichtiger ist als die Intensität. Es geht nicht darum, den Körper zu besiegen, sondern ihn einzuladen, wieder weich zu werden.
Besonders hilfreich war für mich die Erkenntnis, dass Rückenschmerzen durch langes Sitzen im Alltag oft ähnliche Ursachen haben wie das Stehen – die Hüfte verkürzt und zieht an der Lendenwirbelsäule. Nur dass wir im Stehen zusätzlich noch das gesamte Körpergewicht ausbalancieren müssen, was die Sache nicht einfacher macht.
Durchbruch zwischen Bücherregal und Küchentisch
Nach etwa drei Monaten regelmäßiger Notizen in meinem Heft – ich hatte im März 2024 über eine Freundin zur Wirbelsäulentherapie nach Reichl gefunden – passierte etwas Seltsames. Ich lag abends auf meiner Matte, Blasius kaute gerade an einer Ecke meines aktuellen Romans mit dieser wunderbaren 80-jährigen Erzählerin, und ich machte eine ganz winzige Mobilisationsbewegung für das Becken. Kein Ziehen, kein Reißen, nur ein sanftes Wiegen.
Und dann passierte es: Dieses fast unhörbare, befreiende Ploppen im Beckenraum. Es war, als hätte jemand eine verklemmte Schublade endlich mit einem Ruck geöffnet. Die Spannung im unteren Rücken löste sich schlagartig. Ich lag sicher fünf Minuten einfach nur da und starrte die Decke an. In diesem Moment begriff ich, dass meine Hüfte nicht "kaputt" war, sondern einfach nur fest hielt, weil sie dachte, sie müsste mich vor dem Umfallen bewahren.

Kleine Fluchten aus dem Steh-Alltag
In der Buchhandlung habe ich mir jetzt kleine Anker gesetzt. Wenn die Frau, die jeden Donnerstag nach diesem einen speziellen Doppelgänger-Band sucht, mal wieder eine halbe Stunde das Regal blockiert, nutze ich die Zeit. Ich stehe nicht mehr kerzengerade und steif, sondern verlagere das Gewicht ganz leicht, lasse das Becken minimal kreisen, fast unsichtbar für die Kunden. Es ist diese Art von Wirbelsäulentherapie Übungen für einen leichteren Alltag in der Buchhandlung, die den Unterschied macht, ob ich abends wie ein Fragezeichen nach Hause komme oder noch aufrecht über den Kiez laufen kann.
- Gewichtsverlagerung: Nicht auf einem Bein "einrasten", sondern aktiv bleiben.
- Die alte Waagenwippe: Ich stelle mir vor, mein Becken sei die Wippe unserer alten Auslagen-Waage – immer in Bewegung, nie starr.
- Atempausen: Einmal tief in den unteren Bauch atmen, wenn der Drucker für die Bestellscheine mal wieder hakt.
Sonntagabend-Reflektion: Beweglichkeit fängt im Kopf an
Letzten Sonntagabend beim Schreiben fiel mir auf, wie sehr sich mein Blick auf den Schmerz verändert hat. Früher war er ein Feind, den ich wegtherapieren wollte. Heute ist er eher wie ein etwas anstrengender Stammkunde: Man muss ihm zuhören, freundlich bleiben, aber klare Grenzen setzen. Ich bin keine Expertin, und ich habe auch keine medizinische Ausbildung. Wenn die Schmerzen mal wieder zu arg werden, ist der Gang zum Orthopäden natürlich unumgänglich – das sollte jeder tun, bevor er selbst an sich herumexperimentiert.
Aber für mich ist dieses Sonntagstagebuch ein Weg geworden, die Verantwortung für mein Wohlbefinden zurückzuholen. Ich lese oft in alten Einträgen und sehe, wie weit ich gekommen bin. Es war ein langer Prozess, zu verstehen, wie das Buch Phänomen Leben meine Sicht auf chronische Rückenschmerzen änderte und mir zeigte, dass der Körper kein mechanisches Gerät ist, das man repariert, sondern ein lebendiger Prozess.

Morgen ist wieder Montag. Der Bücherwagen im Lager wartet schon auf mich, und die Stapel der Neuerscheinungen werden nicht kleiner. Aber ich weiß jetzt, dass meine Matte heute Abend noch auf mich wartet. Vielleicht schaffe ich morgen früh die zehn Minuten, vielleicht auch nicht. Das ist okay. Solange ich die Verbindung zu meiner Mitte nicht verliere, können die Beine noch so lange stehen. Jetzt klappe ich das Heft zu, Blasius ist längst eingeschlafen, und ich genieße noch einen Moment die Stille, bevor die neue Woche in Altona beginnt.