Übungen gegen Rückenschmerzen beim langen Stehen im Verkauf: Mein Altonaer Sonntagstagebuch 2026

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Es ist Sonntagabend, Mitte Juni 2026. Draußen vor meinem Fenster in Altona hat sich der Himmel in dieses typische, verwaschene Perlm-Blau gefärbt, das nur Hamburg kurz vor der Dämmerung hinbekommt. Der Wasserkocher pfeift in der Küche – ein Geräusch, das für mich mittlerweile untrennbar mit dem Aufschlagen meines Leinen-Hefts verbunden ist. Blasius, mein schwarzer Kater, liegt bereits wie ein kleiner, dunkler Teppich auf der Matte, die ich zwischen Küchentisch und Bücherregal ausgebreitet habe. Er weiß genau: Jetzt ist die Zeit, in der ich die Woche im Laden an mir vorbeiziehen lasse und schaue, was mein Rücken dazu sagt.

Diese Woche war eine dieser „Hanser-Wochen“. Eine große Lieferung, viele schwere Kisten, und die Große Elbstraße war durch die Touristenströme besonders belebt. Wer im Buchhandel arbeitet, weiß, dass Stehen nicht gleich Stehen ist. Es ist ein permanentes Balancieren auf harten Dielen, ein Recken nach dem obersten Lyrik-Regal und ein tiefes Bücken zu den unteren Krimi-Fächern. Seit 2022 schleppe ich dieses ziehende Gefühl im Lendenwirbelbereich mit mir herum. Es ist kein scharfer Schmerz, eher eine mürbe Erschöpfung, die sich anfühlt, als wäre meine Wirbelsäule ein alter Buchrücken, dessen Leim langsam spröde wird.

Der Dienstag zwischen den Bücherkisten

Diesen letzten Dienstag, etwa gegen Spätnachmittag, gab es einen Moment, der mich fast in die Knie gezwungen hätte. Ich war gerade dabei, die neue Auslage zu gestalten – wir haben diese alte Waagenwippe als Dekoelement, die wunderschön aussieht, aber beim Bestücken eine völlig unnatürliche Haltung erfordert. Plötzlich war es wieder da: dieses Zuknallen im unteren Rücken. Früher hätte ich in so einem Moment eine Schmerztablette eingeworfen und gehofft, dass die restlichen drei Stunden der Schicht schnell vergehen. Doch seit ich im März 2024 mit der Wirbelsäulentherapie begonnen habe, versuche ich, die Signale anders zu lesen.

Ich habe gelernt, dass statisches Dehnen in solchen Akutsituationen oft das Gegenteil von dem bewirkt, was man möchte. Wenn man neun Stunden steht, sind die Muskeln im Dauerstress. Sie sind müde. Wenn ich sie dann noch mit Gewalt in eine Länge ziehe, für die sie keine Kraft mehr haben, reagiert der Körper mit noch mehr Schutzspannung. Es ist, als würde man versuchen, eine festgefahrene Schublade mit Gewalt aufzureißen – meistens verklemmt sie sich dann erst recht. Anstatt mich also im Lager hinter den Stapeln zu verrenken, habe ich kurz innegehalten. Nur zehn Sekunden. Ein bewusster Impuls in die Körpermitte, ein kurzes Spiel mit dem Becken, ohne dass die Kunden es bemerken konnten.

Ein Stapel schwerer Bücher auf einer hölzernen Ladentheke in einer Hamburger Buchhandlung.

In meinem Heft notiere ich oft, wie schwer es fällt, diese kleinen Pausen wirklich zuzulassen. Man will ja funktionieren. Die Frau, die jeden Donnerstag nach diesem einen Doppelgänger-Band sucht, den es vermutlich gar nicht gibt, stand wieder vor mir. Während ich mit ihr sprach, merkte ich, wie ich mich innerlich versteifte. Aber genau das ist der Punkt: Die Übungen sind kein Pflaster, das man einmal aufklebt. Es ist eine fortlaufende Verhandlung mit dem eigenen Körper. Ich bin natürlich keine Physiotherapeutin und habe keinerlei medizinische Ausbildung – ich bin eine Buchhändlerin, die versucht, nicht an ihrem Job zu zerbrechen. Deshalb ist mein erster Rat an jeden, der ähnliches spürt: Geh zum Orthopäden. Lass abklären, ob die Bandscheiben noch da sind, wo sie hingehören, bevor du anfängst, auf einer Matte in Altona zu experimentieren.

Warum die Matte manchmal unberührt bleibt

Es gab in dieser Woche auch zwei Tage, an denen ich die Matte gar nicht erst ausgerollt habe. Mittwoch und Freitag war ich so platt, dass ich nach Feierabend nur noch mit Blasius auf dem Sofa gelandet bin. Früher hätte ich mich deswegen schlecht gefühlt, heute weiß ich, dass auch das zur Therapie gehört. Die Wirbelsäulentherapie, wie ich sie durch die Audio-Kurse von RaGarve kennengelernt habe, ist kein militärischer Drill. Es geht um das Wiedererlernen von Bewegungsmustern, die wir im stressigen Alltag verloren haben. Manchmal ist der wichtigste Impuls einfach, sich flach auf den Boden zu legen und dem Druck im Bereich L4/L5 nachzugeben, ohne dabei ein Ziel zu verfolgen.

Wenn ich morgens doch die Disziplin finde, reichen oft zehn Minuten. Ich habe neulich darüber geschrieben, wie man 10 Minuten Rückenübungen für den Morgen bei wenig Platz in der Wohnung unterbringt – denn mal ehrlich, wer hat in einer Altonaer Altbauwohnung schon ein eigenes Fitnessstudio? Zwischen dem Küchentisch und dem Regal mit meinen geliebten Romanen von Elizabeth Strout ist gerade genug Platz für mich und eine schnurrende Katze. Diese kurzen Sequenzen am Morgen sind wie das Vorwort eines Buches: Sie setzen den Ton für den Rest des Tages. Wenn ich diese Zeit ausfallen lasse, merke ich spätestens um 14 Uhr an der Kasse, wie mein Kreuz anfängt, seine eigene, eher ungemütliche Geschichte zu erzählen.

Ein interessanter Nebeneffekt der letzten Monate ist, dass ich meine Umgebung anders wahrnehme. Wenn ich in der S-Bahn nach Hause fahre, beobachte ich die Menschen. Wie sie sitzen, wie sie stehen, wie sie ihre Taschen tragen. Ich sehe die Steifheit, die ich selbst so lange kultiviert habe. Es ist fast schon amüsant, wie wir versuchen, unseren Körper wie eine Maschine zu reparieren, anstatt ihn als lebendigen Prozess zu begreifen. In einer ruhigen Minute im Laden, wenn gerade kein Kunde nach dem neuesten Bestseller fragt, nutze ich oft die Zeit für kleine Aktivierungen. Es ist kein klassisches Training, es ist eher ein „Wachrütteln“ der Wirbelsäule.

Blick aus einem Fenster in Altona auf die Hamburger Hafenkräne in der Abenddämmerung.

Das Geheimnis der kleinen Impulse

Was mir wirklich geholfen hat, das lange Stehen zu überstehen, ist der Fokus auf die Körpermitte. Wir denken oft, der Rücken schmerzt, weil der Rücken schwach ist. Aber oft schmerzt er, weil er die Arbeit für den Rest des Körpers allein machen muss. Wenn ich an der Theke stehe und Bestellscheine sortiere, achte ich darauf, dass meine Knie nicht durchgedrückt sind. Ein minimales Beugen, ein sanftes Ansteuern der tiefen Bauchmuskulatur – das verändert die Statik komplett. Es nimmt den Druck vom unteren Rücken und verteilt ihn dorthin, wo er hingehört.

Ich erinnere mich an einen Moment am Donnerstagabend. Der Laden war eigentlich schon zu, ich musste nur noch die Tagesabrechnung machen. Mein Rücken fühlte sich an wie ein Brett. Anstatt mich wie früher einfach über den Tresen zu hängen, habe ich eine der Übungen gemacht, die ich mittlerweile im Schlaf beherrsche: eine langsame, fließende Bewegung, die den Psoas-Muskel anspricht. Es ist erstaunlich, wie viel Erleichterung ein paar Zentimeter bewusster Bewegung bringen können. Danach fühlte ich mich nicht mehr wie 86, sondern wieder wie 36. Es ist dieses Wissen, was man tun kann, wenn es zieht, das mir die Angst vor dem Schmerz genommen hat. Ich habe in meinem Heft notiert, was hilft gegen eine steife Wirbelsäule nach einem langen Arbeitstag, und meistens sind es eben nicht die großen Verrenkungen, sondern die sanften Entlastungen direkt nach der Belastung.

Natürlich gibt es auch Rückschläge. Gestern Abend zum Beispiel war der Schmerz so präsent, dass ich mich fragte, ob die ganze Überei überhaupt etwas bringt. Stress im Privatleben oder einfach ein schlechter Tag im Laden schlagen sich bei mir sofort im Kreuz nieder. Ich habe dann noch einmal nachgelesen, warum der untere Rücken bei Stress im Alltag ständig zieht, und es war fast tröstlich zu sehen, dass ich mit dieser Erfahrung nicht allein bin. Es ist ein Update aus meiner persönlichen Matten-Ecke: Heilung ist keine gerade Linie, sondern eher wie ein guter Roman mit vielen Nebenhandlungssträngen. Manchmal muss man ein Kapitel zweimal lesen, bis man es wirklich versteht.

Ehrlichkeit im Leinenheft

Jetzt, wo ich hier sitze und diese Zeilen schreibe, spüre ich eine angenehme Wärme in meinem Rücken. Die Übungssession von vorhin wirkt nach. Blasius hat sich mittlerweile auf meine Füße gerollt, und der Tee ist fast leer. Es ist wichtig, ehrlich zu sein: Die Wirbelsäulentherapie hat mich nicht über Nacht „geheilt“. Ich habe immer noch Tage, an denen ich die neun Stunden im Laden spüre. Aber die Qualität des Schmerzes hat sich verändert. Er ist nicht mehr mein Herrscher, sondern ein Signal, auf das ich reagieren kann. Ich habe Werkzeuge an der Hand, die nicht aus der Apotheke kommen, sondern aus meinem eigenen Verständnis für Bewegung.

Für alle, die wie ich im Verkauf arbeiten: Seid geduldig mit euch. Der Rücken hat Jahre gebraucht, um so fest zu werden, wie er ist – er wird nicht in zwei Wochen wieder weich. Es ist eine tägliche (oder fast tägliche) Einladung an den Körper, sich neu zu organisieren. Und wenn die Matte mal eine Woche lang nur als Schlafplatz für den Kater dient, dann ist das eben so. Die Hauptsache ist, dass man den Faden nicht ganz verliert.

Morgen früh um neun stehe ich wieder in der Großen Elbstraße. Die erste Kiste mit Remittenden wartet schon. Aber ich weiß jetzt, wie ich sie hebe, ohne dass mein unterer Rücken sofort Alarm schlägt. Und ich weiß, dass ich mich am nächsten Sonntagabend wieder hierher setzen werde, um mein Heft aufzuschlagen. Vielleicht mit weniger Schmerzen, vielleicht mit mehr – aber immer mit der Gewissheit, dass ich nicht mehr hilflos bin.

Bitte beachten: Ich bin Buchhändlerin, keine Ärztin oder Physiotherapeutin. Alles, was ich hier schreibe, basiert auf meinen persönlichen Erfahrungen mit der Wirbelsäulentherapie und meinem Alltag im Laden. Bitte sprich unbedingt mit deinem Hausarzt oder einem Orthopäden, bevor du neue Übungen ausprobierst, besonders wenn du akute oder ausstrahlende Schmerzen hast. Jedes Kreuz ist anders, und was mir hilft, muss für dich nicht zwangsläufig das Richtige sein.
Bitte beachten: Hier auf der Seite teile ich, was ich selbst durchgemacht habe -- kein medizinischer, finanzieller oder rechtlicher Ratschlag. Was bei mir funktioniert hat, muss bei dir nicht funktionieren. Sprich mit deinem Arzt, Steuerberater oder Anwalt, bevor du Entscheidungen triffst, die wirklich zählen.

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