
Es ist dieser spezifische Sonntagabend-Blick aus dem Fenster meiner Küche in Altona-Altstadt: Die Kräne im Hafen wirken wie unbewegliche Skelette im fahlen Licht, und die Elbe schimmert wie flüssiges Blei. In meiner Hand liegt mein graues Leinen-Heft, und während ich diese Zeilen im Juni 2026 schreibe, muss ich schmunzeln, wenn ich an den ersten Eintrag vom März 2024 zurückdenke.
Ein kleiner Hinweis unter uns: In diesen Notizen finden sich hin und wieder Affiliate-Links. Wenn du über einen dieser Links einen Kurs buchst, bekomme ich eine Provision — dein Preis ändert sich dadurch natürlich nicht. Ich schreibe hier nur über Dinge, die ich wirklich selbst gekauft und in meiner kleinen Ecke zwischen Bücherregal und Küchentisch ausprobiert habe. Ich bin keine Ärztin, keine Physiotherapeutin und keine Heilpraktikerin, sondern eine Buchhändlerin, die einfach wieder schmerzfrei stehen wollte. Wenn du ernsthafte Probleme hast, geh bitte zum Orthopäden, bevor du dich auf die Matte legst.
Die Skepsis einer abgebrochenen Germanistin
Ich bin Buchhändlerin. Ich habe gelernt, Texte auf ihre Aufrichtigkeit zu prüfen, und ich weiß genau, wann ein Klappentext zu viel verspricht. Seit 2022 zieht es in meinem Kreuz, mal mehr, mal weniger, und keine Physiotherapie der Welt schien den Code knacken zu können. Dass nun ausgerechnet ein Online-Kurs die Lösung sein sollte, fühlte sich für meinen Kopf fast ein bisschen beleidigend an. Eine abgebrochene Germanistik-Studentin glaubt nicht an Wunderheilungen per Mausklick.
Aber mein Körper hatte die Diskussion im Frühjahr 2024 längst gewonnen. Wer vier Tage die Woche neun Stunden an der Theke, auf der Leiter oder an der Auslage steht, verliert irgendwann die intellektuelle Arroganz gegenüber Selbsthilfe-Videos. Mein unterer Rücken fühlte sich an wie ein schlecht gebundenes Buch, dessen Leim brüchig geworden ist. Jedes Mal, wenn ich einen Stapel Neuerscheinungen vom Boden aufhob, knirschte es in meinem Fundament.

Montagmorgen: 10 Minuten zwischen Wasserkocher und Klassikern
Bevor ich die Matte überhaupt ausrollen konnte, musste ich erst einmal Platz schaffen. In einer Altonaer Wohnung ist Platz ein knappes Gut. Die Matte klemmt jetzt schief zwischen dem Küchentisch und dem Regal, in dem die Diogenes-Klassiker stehen. Das erste Mal Barfußlaufen auf dem Linoleum war ernüchternd. Das kalte Gefühl des Bodens an meinen Fersen, bevor die Matte endlich ausrollt und nach neuem Gummi riecht, war der erste echte Kontakt mit meinem Vorhaben.
Ich startete mit dem Kurs Wirbelsäulentherapie. Der Wecker klingelte am Montag kurz nach sieben. Mein Kopf wollte eigentlich nur Kaffee und die Nachrichten lesen, aber ich habe mir selbst ein Versprechen gegeben: Wenn ich Menschen dazu bringe, 800-Seiten-Wälzer zu kaufen, werde ich es ja wohl schaffen, mir selbst 10 Minuten Bewegung zu verkaufen. Es ging in den ersten Sequenzen viel um die Lendenwirbelsäule, genau dort, wo mein Schmerz wohnt. Es ist kein schweißtreibendes Workout, eher ein vorsichtiges Herantasten an die eigene Statik.
Ein winziger, fast unsichtbarer Dialog zwischen Hirn und Muskeln. Ich merkte schnell, dass ich oft Stress im Alltag direkt im unteren Rücken speichere. Wenn eine Bestellung beim Verlag hängen bleibt oder die Kaffeemaschine im Laden streikt, ziehen sich meine Lendenmuskeln zusammen wie ein alter Lederband im Regen.
Ein kleiner Unfall mit Hanser-Taschenbüchern
Dass Heilung kein linearer Prozess ist, wurde mir am Dienstagmorgen schmerzlich und gleichzeitig komisch bewusst. Ich versuchte eine Beckenkippung — eigentlich eine ganz kleine, feine Bewegung aus dem ersten Modul — und verlor kurz das Gleichgewicht. Dabei riss ich mit dem Fuß einen Stapel Hanser-Taschenbücher vom Hocker, die ich eigentlich noch für die Auslage vorsortieren wollte. Zehn Bände fielen wie Dominosteine zu Boden.
Blasius, mein schwarzer Kater, flüchtete erschrocken unters Sofa und beobachtete mein klägliches Scheitern aus sicherer Entfernung. Da lag ich nun: auf einer Gummimatte, umgeben von Weltliteratur, mit einem ziehenden Schmerz im Kreuz. Es war ein Moment der totalen Lächerlichkeit. Aber genau das ist es wohl, was in den Hochglanz-Prospekten für Fitness immer fehlt: die ungeschönte Realität zwischen Küchenkrümeln und umgefallenen Büchern.

Der Alltag im Laden und die 36 Stunden Stehzeit
In der Buchhandlung in der Großen Elbstraße stehe ich vier Tage die Woche jeweils neun Stunden. Das sind 36 Stunden reine Stehzeit pro Woche. Oft beobachte ich dabei unsere Kunden. Besonders die Stammkundin, die jeden Donnerstag nach einem Doppelgänger-Band sucht und sich dabei so mühsam auf ihren Stock stützt, erinnert mich an meine eigene Zerbrechlichkeit. Ich sehe in den Gesichtern vieler Menschen den gleichen Schmerz, den ich im Rücken trage.
Oft denken wir, dass wir für solche Therapien Ruhepausen und feste, heilige Übungszeiten brauchen. Aber wer einen Neun-Stunden-Tag im Verkauf hat, für den ist Ruhe ein Fremdwort. In dieser ersten Woche habe ich gelernt, dass die Übungen nicht dazu da sind, mich aus dem Alltag zu reißen, sondern mich darin zu halten. Ich habe angefangen, die kleinen Impulse aus dem Kurs während der Arbeit anzuwenden. Ein minimales Kippen des Beckens an der Kasse, ein bewussteres Belasten der Fersen beim Einsortieren der Lyrik-Abteilung. Es war mein persönliches Faszientraining für den Rücken mitten im Trubel.
Ein seltsames Erwachen am Mittwochabend
Der Wendepunkt kam am Mittwochabend kurz vor Ladenschluss. Draußen nieselte es, und ich hatte gerade einen Kunden bedient, der nach einer Erstausgabe von Hans Fallada suchte. Plötzlich merkte ich an der Kasse, dass ich nicht wie sonst das Gewicht ständig von einem Bein aufs andere verlagere. Es war ein winziger Moment der Stabilität, als hätte jemand in meinem Fundament eine Schraube nachgezogen.
Vielleicht waren es die zehn Minuten am Morgen, vielleicht auch die Tatsache, dass ich am Vorabend angefangen hatte, beim Kochen den Audiokurs Phaenomen Leben zu hören. Ich mag die Stimme in den Aufnahmen; sie ist ruhig und fordert eine Art von Aufmerksamkeit, die man auch beim Lesen eines guten Romans braucht. Es geht dort viel um die Weite und darum, wie wir unseren Körper wahrnehmen. Später, zurück in Altona, spürte ich ein seltsames Kribbeln links neben dem Steißbein. Es war kein Schmerz, sondern eher ein Signal. Als würde ein Bereich meines Körpers, den ich jahrelang ignoriert habe, vorsichtig Hallo sagen.

Sonntagabend: Das Leinen-Heft wird gefüllt
Jetzt sitze ich wieder hier. Woche 1 (die damals im März 2024) war der Anfang von etwas, das ich heute, im Juni 2026, als meine Rettung bezeichne. Es gab keine Wunderheilung über Nacht. Aber ich habe zum ersten Mal seit Jahren das Gefühl, nicht mehr nur Passagierin meines Schmerzes zu sein. Wenn es heute zieht, weiß ich, was zu tun ist. Ich greife nicht mehr zur Schmerztablette, sondern rolle die Matte aus — auch wenn Blasius sie manchmal als Kratzbaum missbraucht.
Falls du selbst gerade in dieser Phase bist, wo dich der Frust packt: Was tun gegen Frust bei chronischen Rückenschmerzen ist eine Frage, die ich mir oft gestellt habe. Die Antwort für mich lag in der Beständigkeit der kleinen Schritte. Die Übungen sind simpel, aber sie fordern eine Ehrlichkeit, die ich sonst nur in wirklich guter Weltliteratur finde. Man kann seinen eigenen Körper nicht belügen, so wie man einen schlechten Text nicht schönlesen kann.
Ich habe mir vorgenommen, am Ball zu bleiben. Die nächsten Module der Wirbelsäulentherapie warten schon. Falls du dich wie ein altes, schlecht gebundenes Buch fühlst, das bei der kleinsten Belastung aus dem Leim geht: Es lohnt sich, den ersten Satz zu schreiben. Oder die erste Übung zu machen. Nächste Woche erzähle ich dir, wie es weiterging und ob der Hanser-Stapel am Dienstag stehen blieb. Jetzt klappe ich das Heft zu, lösche das Licht und höre dem Regen zu, der gegen die Scheibe peitscht.