
Die Kiste mit den Hanser-Rückläufern steht schon halb im Bücherwagen, und ich strecke mich noch einmal seitlich zur Decke, bevor ich sie ins Lager schiebe, eine Bewegung aus der Wirbelsäulentherapie, die mir inzwischen automatischer von der Hand geht, als mir bewusst ist. Rückenschmerzen sind das Thema, über das mich die meisten Leserinnen ansprechen, die meinen Erfahrungsbericht über die Buchhandlung in Altona-Altstadt gefunden haben, und fast immer kommt dieselbe Frage zuerst: Was genau macht diese Wirbelsäulentherapie eigentlich anders als das, was vorher nicht geholfen hat?
Ein kurzer Hinweis, bevor es weitergeht: In diesem Text stecken ein paar Affiliate-Links zu Kursen, die ich wirklich selbst gekauft und ausprobiert habe; wenn du darüber buchst, bekomme ich eine kleine Provision, dein Preis ändert sich dadurch nicht. Buchhändlerin bin ich, keine Physiotherapeutin, keine Ärztin und keine Heilpraktikerin – nur jemand mit einer Matte zwischen Bücherregal und Küchentisch.
Drei Monate Wärmepflaster brachten nichts - bis die Wirbelsäulentherapie kam
Bevor überhaupt eine Matte ins Spiel kam, war ich drei Monate bei einer Physiotherapeutin, die mir Wärmepflaster verschrieb und eine Handvoll Standardübungen zeigte, die ich brav zu Hause wiederholte. Nichts davon hielt länger als ein paar Tage; der Schmerz kam nach jeder Pause zuverlässig zurück, als hätte er nur kurz durchgeatmet. Mit einem abgebrochenen Germanistik-Studium im Rücken habe ich gelernt, Texte auf ihre Aufrichtigkeit zu prüfen, und ein Kurs, der mehr verspricht als drei Monate Physiotherapie, klang für meinen Kopf zunächst wie ein Klappentext, der zu dick aufträgt.
Trotzdem habe ich die Wirbelsäulentherapie von reichl ausprobiert, weil vier Tage die Woche zu je neun Stunden an Theke, Leiter und Auslage irgendwann keine andere Wahl mehr ließen. Acht Module, kleine Einheiten für Abende, an denen der Kopf schon leer ist – überschaubar genug, um wirklich dranzubleiben. Es geht darin viel um die Region der Lendenwirbelsäule, genau dort, wo mein Schmerz sitzt, auch wenn ich an dieser Stelle nicht erkläre, was im Gewebe selbst passiert, das ist nicht mein Fachgebiet. Anders als bei der Physiotherapeutin ging es hier nicht um ein Rezept von außen, sondern um die Frage, was der eigene Rücken in diesem Moment braucht, ein Grundprinzip, das sich mir erst erschloss, lange bevor klar war, ob es überhaupt anschlagen würde.

Was Ronja mich stattdessen fragt
Meine Freundin Ronja Stüber, über die ich überhaupt erst zur Wirbelsäulentherapie gefunden habe, ruft selten an, um zu fragen, ob es besser wird. Sie will wissen, was ich konkret gemacht habe, eine kleine Verschiebung in der Frage, die mir am Anfang seltsam vorkam und die inzwischen genau die richtige ist. Besser oder schlechter lässt sich kaum in einem Satz beantworten; was getan wurde, dagegen schon, und das schreibe ich mittlerweile ehrlicher auf als jede Schmerzskala.
Wenn die Matte wochenlang zusammengerollt bleibt
Es gab eine Phase, in der die Matte zusammengerollt zwischen Regal und Küchentisch liegen blieb, ungeöffnet, während im Laden ein Inventurstapel nach dem anderen abgearbeitet werden musste. Der Rücken meldete sich in dieser Zeit wieder lauter, nicht dramatisch, aber beharrlich, wie eine Stammkundin, die jeden Tag dieselbe Frage stellt, bis man sie endlich beantwortet. Als ich die Matte schließlich wieder auf dem Linoleum ausrollte, fühlte sich der erste Versuch an wie bei null anzufangen, nur mit dem Unterschied, dass ich diesmal wusste, wonach ich suchte.
Was mir aus dieser Pause geblieben ist: Sobald zwei, drei Tage ganz ohne Bewegung vergehen, beginne ich wieder ganz vorne, mit der ruhigsten Übung aus dem Kurs, nicht mit der, die am meisten bringt, wenn es gut läuft. Genau daran erkenne ich inzwischen, ob ein Tag überhaupt eine intensivere Einheit verträgt oder nur die sanfte Version. Wer ähnlich lange steht wie ich, kennt vermutlich auch dieses Stress im Alltag direkt im unteren Rücken-Gefühl, wenn eine Bestellung beim Verlag hängen bleibt oder die Kaffeemaschine im Laden wieder streikt.
Für genau diesen Wiedereinstieg gibt es bei mir inzwischen eine kurze Morgenroutine, die nicht mehr will, als den Rücken sanft wieder anzumelden, bevor der Tag im Laden losgeht.
Eine Ischias-Attacke mitten im Spätdienst in der Großen Elbstraße
An einem Spätdienst in der Großen Elbstraße zog plötzlich ein scharfer, ziehender Schmerz vom unteren Rücken das rechte Bein hinunter, während ich eine Bestellung für einen Stammkunden aus dem Lager holte. Ischiasartig, sagte am nächsten Morgen die Orthopädin, zu der ich sofort gegangen bin, weil so ein Ziehen eindeutig nicht in eine Matten-Ecke zwischen Bücherregal und Küchentisch gehört. Den Rest der Schicht habe ich mit kleinen, vorsichtigen Schritten zwischen Kasse und Regal verbracht und mehr an der Theke gestanden, als mir lieb war.

Eine Kiste zu schnell hochgerissen - und der Rücken sagt Stopp
Ein Karton mit remittierten Kalendern, letzten Winter oben aus dem Lagerregal gezogen statt vorsichtig gekippt, hat mir für zwei Tage jede Übung unmöglich gemacht. Schnell sollte es gehen, weil vorne an der Kasse schon eine Schlange stand, und genau dieses Schnell-schnell hat den Rücken kippen lassen, nicht das Gewicht selbst. Seitdem gilt bei mir eine einfache Regel: lieber die Kollegin rufen oder den Bücherwagen holen, als in Eile die Technik zu vergessen.
Manche Nächte bringt keine Übung zum Schlafen
Es gibt Nächte, in denen die Verspannung im unteren Rücken einfach nicht loslässt, egal wie ruhig die Übungen vorher liefen, und ich wache mehrmals auf, drehe mich auf die Seite, dann auf den Rücken, dann wieder zurück. Nach einer besonders vollen Schulklassen-Führung durch den Laden endete eine dieser Nächte damit, dass ich um drei Uhr auf dem Küchenboden lag, weil sich die Matratze plötzlich viel zu hart anfühlte. Keine der Übungen aus dem Kurs half an diesem Morgen wirklich weiter, nur ein heißes Bad und die Einsicht, dass ein Rücken manchmal eine eigene, störrische Uhr hat.

Wie sich wirklich etwas verändert
Zwischen Bücherregal und Küchentisch ist gerade genug Platz für die zusammengefaltete Matte; steht die Sonne im Südwesten günstig, blitzt die Elbsilhouette kurz durchs Fenster, und Blasius hat sich das Fensterbrett direkt daneben als seinen Logenplatz gesichert. Nach zwei Jahren in dieser kleinen Ecke messe ich Fortschritt nicht mehr in Wochenzahlen, sondern in solchen Szenen.
Neulich trug ich eine Kiste mit Buchrückläufern die Lagertreppe hoch und musste oben nicht anhalten, um durchzuatmen – vor der Wirbelsäulentherapie wäre das ohne eine kurze Pause auf der obersten Stufe kaum gegangen. So ein Moment sagt mir mehr als jede Zahl, wie viel sich am Fundament wirklich verschoben hat.
Nach einer langen Schicht stehe ich manchmal noch kurz auf dem Balkon mit Blick auf die Elbe, bevor ich reingehe, und genau dort merke ich am deutlichsten, wie neun Stunden Stehen sich im unteren Rücken ansammeln. Ein Teil davon lässt sich mit gezieltem Faszientraining für den Rücken auflösen, ein anderer Teil braucht einfach kleine Ausgleichsbewegungen mitten im Stehtag selbst, an der Kasse, zwischen zwei Kundinnen.
Was ich Leserinnen wie Solveig antworte
Solveig Torp, die alle zwei Donnerstage in den Laden kommt, hat vor einiger Zeit beim Kassieren beiläufig erwähnt, dass sie diesen Blog kennt, und seitdem tauschen wir gelegentlich ein paar Sätze über Rückenprobleme aus der Stehperspektive aus. Sie sucht ihre Bücher lieber nach der Farbe des Umschlags aus als nach dem Klappentext, was mir jedes Mal ein Lächeln abringt, wenn sie mit einem knallroten Cover an die Kasse kommt.
Leserinnen wie sie fragen oft, was ich mache, wenn die Motivation einfach fehlt, und an solchen Abenden höre ich lieber beim Kochen den Kurs Phaenomen Leben, statt mich zur Matte zu zwingen. Wer selbst gerade in dieser Frustphase steckt, findet unter Was tun gegen Frust bei chronischen Rückenschmerzen mehr dazu, wie ich mit genau solchen Phasen umgehe. Wer wie ich zwischen Theke und Küchentisch nach einer ehrlichen Übung sucht, dem lege ich nach wie vor am ehesten die Wirbelsäulentherapie ans Herz – nicht als Wundermittel, sondern als das Kleinste, das bei mir wirklich hängengeblieben ist.
Der Stift kratzt heute schon fast trocken übers Leinenpapier, die Mine ist bald leer, und ich schreibe trotzdem noch den letzten Satz zu Ende, bevor das Licht ausgeht und Blasius sich endgültig auf der Matte einrollt.