
Sonntagabend in Altona: Wenn der Regen horizontal gegen die Scheibe peitscht
Es ist dieser spezifische Sonntagabend im November 2025, an dem ich am Küchentisch sitze und mein Leinen-Heft aufschlage. Draußen vor dem Fenster ist die Elbe nur noch ein grauer Streifen unter den Hafenkränen, die sich im Nebel verlieren. Der Wasserkocher pfeift gerade sein letztes Lied, und Blasius, mein schwarzer Kater, hat es sich bereits auf der zusammengeklappten Matte gemütlich gemacht, die zwischen dem Bücherregal und dem Tisch klemmt. Er weiß genau, dass ich sie gleich ausrollen werde, aber er testet erst einmal die Flauschigkeit des Materials.
Ich starre auf die leere Seite. In meinem unteren Rücken zieht es, ein vertrautes, dumpfes Mahnen, das sich pünktlich zum ersten Frost gemeldet hat. Hamburg hat im Durchschnitt etwa 133 Regentage im Jahr, und ich habe das Gefühl, die meisten davon finden zwischen November und März statt. Wenn die Luftfeuchtigkeit bei über 80 % liegt, kriecht die Kälte nicht nur unter die Wollmäntel meiner Kunden, sondern auch direkt in meine Wirbelzwischenräume. Es ist dieser typische Hamburger Schietwetter-Effekt: Man zieht unbewusst die Schultern hoch, das Becken kippt nach vorne, man macht sich klein gegen den Wind. Und nach neun Stunden an der Theke in der Großen Elbstraße fühlt sich mein Kreuz an wie ein trockenes Stück Treibholz.
Letzten Dienstag war so ein Tag. Eine Kundin suchte verzweifelt nach einem Doppelgänger-Roman, den sie angeblich bei uns gesehen hatte, und während ich durch die Stapel im Lager wanderte, mischte sich der Geruch von nasser Wolle mit dem Duft von altem Papier. Mein unterer Rücken fühlte sich in diesem Moment an wie eine zu fest gespannte Gitarrensaite. Jede Bewegung war ein kleiner Kampf gegen einen Widerstand, den ich selbst erzeugt hatte, ohne es zu merken.

Das Missverständnis mit der Wärme: Warum Einpacken allein nicht reicht
Früher dachte ich immer, ich müsste mich einfach nur dicker einpacken. Drei Schichten Merinowolle, Wärmepflaster und der ständige Griff zur Wärmflasche nach Feierabend. Aber hier in meinem Tagebuch, nach Monaten der Wirbelsäulentherapie, steht eine andere Wahrheit. Gerade dieses ständige, passive Warmhalten provoziert eine muskuläre Trägheit. Wir packen uns ein wie ein Buch in Luftpolsterfolie, aber unter der Folie passiert nichts mehr. Die Muskulatur erschlafft oder versteift in einer Schonhaltung, und sobald wir uns doch einmal bewegen müssen – etwa um einen schweren Karton mit Hanser-Neuerscheinungen zu heben –, quittiert der Rücken den Dienst.
Mein Ansatz diesen Winter ist anders. Statt den Rücken nur passiv zu wärmen, versuche ich, ihn von innen heraus zu bewegen. Die Kälte ist nicht der Feind, sondern meine Reaktion darauf. Ich habe gemerkt, dass ich bei Windstärke acht auf dem Weg zur Arbeit mein gesamtes System einfriere. Ich werde starr. Reichls Übungen zielen darauf ab, diese Starre zu durchbrechen, indem man die Wirbelsäule in ihren drei physiologischen Hauptachsen anspricht: sagittal, frontal und transversal. Das klingt kompliziert, aber für mich bedeutet es einfach, dass ich mich nicht mehr nur wie ein steifer Mast im Wind fühle, sondern wie ein Schilfrohr, das nachgibt, aber nicht bricht.
Es gab diesen einen Moment am Freitagnachmittag, als der Laden für fünf Minuten leer war. Ich stand hinter der Kasse, die alte Waagenwippe der Auslage direkt vor mir, und spürte diesen harten Knoten über dem Steißbein. Anstatt zur Schmerztablette zu greifen, machte ich einen ganz langsamen, bewussten Wirbelsäulen-Roll-down. Wirbel für Wirbel nach unten, den Kopf hängen lassen, den Atem fließen lassen. Plötzlich spürte ich dieses warme, flutende Lösen im Sakralbereich. Es war, als würde jemand eine warme Flüssigkeit direkt in meine Gelenke gießen. Keine Heizung der Welt kann dieses Gefühl von innerer Wärme ersetzen, die durch echte Mobilisation entsteht.

Die Entdeckung der Langsamkeit zwischen Bücherwagen und Mattenecke
In der Mitte des Januars, an einem besonders grauen Dienstag, war ich kurz davor, alles hinzuschmeißen. Der Rücken zog, die Laune war im Keller, und ich hatte seit drei Tagen die Matte nicht einmal angeschaut. Blasius nutzte sie stattdessen als Kratzbaum-Ersatz. Ich fragte mich, ob das alles überhaupt Sinn ergibt. Warum funktionierten die Übungen plötzlich nicht mehr? Ich blätterte in meinem Heft zurück und sah die Notizen aus dem Oktober. Da war ich disziplinierter.
Ich erkannte, dass ich die Übungen zu schnell gemacht hatte. In der Hektik des Buchhandels-Alltags, zwischen Bestellscheinen und Kundenberatung, wollte ich die Wirbelsäulentherapie einfach „abarbeiten“. Aber der Körper im Winter braucht Zeit. Er ist wie ein alter Motor, der erst warmgelaufen sein will. Ich fing an, die Übungen morgens nur zehn Minuten zu machen, aber in einer fast meditativen Langsamkeit. Ich hörte dabei oft die Audio-Kurse von RaGarve im Hintergrund, während der Wasserkocher in der Küche leise vor sich hin blubberte.
Interessanterweise hat mir das auch beim Schlafen geholfen. Wenn man den ganzen Tag gegen den Hamburger Wind ankämpft, nimmt man diese Spannung mit ins Bett. Ich habe darüber auch in meinem Eintrag zum Thema Besser schlafen mit Rückenschmerzen dank meiner neuen Wirbelsäulentherapie geschrieben. Es ist ein Teufelskreis: Schmerz führt zu Verspannung, Verspannung zu schlechtem Schlaf, und schlechter Schlaf senkt die Schmerzschwelle. Die Übungen am Abend sind für mich mittlerweile wie das Zähneputzen für die Seele – und für die Bandscheiben.

Ehrlichkeit im Leinen-Heft: Wenn nichts passiert und warum das okay ist
Mitte Februar gab es eine Woche, in der ich nichts notiert habe. Nichts. Ich war müde, der Laden war voll mit Remittenden, und mein Rücken fühlte sich an wie eine einzige, unbewegliche Betonplatte. In solchen Momenten ist es wichtig, ehrlich zu sich selbst zu sein. Ich bin keine Physiotherapeutin und keine Heilpraktikerin. Ich habe keine medizinische Ausbildung und kann hier nur von meiner Reise als Buchhändlerin erzählen. Wenn du wirklich anhaltende oder akute Schmerzen hast, ist der Weg zum Orthopäden oder Hausarzt unverzichtbar. Das hier ist kein Allheilmittel, sondern eine Spurensuche.
In der ersten Märzwoche 2026, als die Tage endlich wieder ein wenig länger wurden, bemerkte ich eine Veränderung. Das Hamburger Schietwetter war immer noch da, der Regen peitschte immer noch gegen die Schaufenster in der Großen Elbstraße, aber mein Körper reagierte anders. Ich zog die Schultern nicht mehr bis zu den Ohren hoch. Ich stand an der Theke und spürte meine Füße fest auf dem Boden, die Wirbelsäule lang und durchlässig. Es war die Erkenntnis, dass die Kälte mir nichts anhaben kann, wenn ich mich von innen heraus bewege.
Ich verstehe jetzt viel besser, warum die Wirbelsäulentherapie Übungen für zuhause bei mir endlich funktionieren: Weil sie keine starren Regeln sind, sondern ein Dialog mit meinem eigenen Körper. Wenn es draußen ungemütlich wird, ist die Versuchung groß, sich zu verstecken. Aber die wahre Hilfe gegen den Rückenschmerz im Winter ist die sanfte Provokation der Bewegung. Blasius hat mittlerweile verstanden, dass die Matte mir gehört. Er setzt sich jetzt immer daneben und beobachtet mich mit diesem typischen Katzen-Amüsement, während ich meine Wirbel sortiere und den Sonntagabend ausklingen lasse. Der Blick auf die Elbe ist immer noch grau, aber mein Rücken fühlt sich heute Abend an wie ein Buch, das endlich wieder richtig aufgeschlagen werden kann.