
Das Messer hakt kurz im Kürbis fest, ich stemme die linke Hand dagegen, und mein unterer Rücken meldet sich, bevor mir überhaupt auffällt, dass ich mich schon wieder viel zu weit über die Arbeitsplatte gebeugt habe. Küchenergonomie klingt nach einem drögen Regal-Etikett aus der Buchhandlung, aber für meine Rückengesundheit entscheidet sich hier, am Schneidebrett, mehr als bei jeder Morgenübung auf der Matte. Die Frage, die mich in der Küche nicht loslässt, ist simpel: Komme ich beim Vorbereiten besser durch, wenn ich stehe, oder wenn ich mich hinsetze?
Küchenergonomie im Alltag: Stehen oder Sitzen beim Schnippeln?
Bevor ich morgens überhaupt am Herd stehe, mache ich inzwischen kurz meine Routine gegen morgendliche Steifheit, selbst wenn das eigentliche Kochen erst mittags losgeht. Meine Antwort auf die Frage von oben fällt trotzdem nüchtern aus: Es kommt darauf an, wie lange die Arbeitsplatte mich an dem Tag schon gehalten hat, bevor ich überhaupt anfange.
Nach vier Tagen an der Theke in der Großen Elbstraße ist mein Rücken bereits durchgestanden, und dann verlangt eine weitere halbe Stunde im Stehen etwas anderes von mir als an einem freien Tag, an dem ich frisch aus dem Bett komme. Stehend hat für mich trotzdem klare Vorteile: Der Kreislauf bleibt in Bewegung, und wenn ich eine leichte Schrittstellung einnehme, einen Fuß auf der Kante des unteren Schranks, kippt das Becken nicht so schnell ins Hohlkreuz. Eine Standardküchenzeile liegt zwischen 85 und 92 Zentimetern, meine eigene, ältere Holzplatte eher am unteren Rand davon, und genau da hilft mir dieselbe Haltung, mit der ich auch das Vermeiden des Hohlkreuzes im Verkauf übe, wenn ich an der Kasse stehe.
Bei mir kippt die Rechnung erst nach einer Weile im Stehen: Wer nur starr dasteht, ohne die Rumpfmuskulatur überhaupt zu beteiligen, überlässt der unteren Wirbelsäule die ganze Last, und wie genau sich eine stabile Rumpfmitte aufbauen lässt, ist ein Thema, das an anderer Stelle eine viel gründlichere Erklärung verdient, als ich ihr hier geben könnte.

Der Küchentisch als zweite Werkbank
Der Küchentisch ist bei mir zur zweiten Werkbank geworden, vor allem an den Tagen, an denen ich mit vollen Taschen von der Rindermarkthalle in Altona nach Hause komme. Ich setze mich einfach hin, das Brett auf der Tischplatte, und schäle und schneide, was für die nächsten Tage gedacht ist. Im Treppenhaus bin ich neulich Finja aus dem zweiten Stock über den Weg gelaufen, die als Physiotherapeutin arbeitet, mir aber grundsätzlich keine Tipps gibt, solange ich sie nicht ausdrücklich frage. Einmal hat sie eine Woche lang auf Blasius aufgepasst, seitdem grüßen wir uns wie alte Bekannte.
Im Sitzen fällt die Last fast vollständig von der Lendenwirbelsäule ab, das Becken kann still bleiben, und genau dieses Stillhalten tut einem gereizten Kreuzbein oft gut, auch wenn das Zusammenspiel von Kreuzbein und Becken ein eigenes, größeres Thema ist. Der Unterschied zwischen einer Wirbelsäulentherapie und klassischer Physiotherapie wird an dieser Stelle übrigens auch spürbar, aber das würde den Rahmen von einem Absatz über Gemüseschneiden sprengen.
Störrisch werden dafür die Hüften, sobald ich zu lange ausschließlich sitze, unbeweglich auf eine andere Art als vom langen Stehen, und das merke ich meistens erst, wenn ich wieder aufstehen will und für zwei Sekunden wie festgeklebt dastehe.
Ein Versuch, der bei mir überhaupt nichts gebracht hat: das Kirschkernkissen nach dem Abendessen auf den unteren Rücken gelegt, in der Hoffnung, die Wärme würde nachträglich reparieren, was ich beim Schnippeln vorher falsch gemacht hatte. Angenehm war das für den Moment, aber am nächsten Morgen war das Ziehen unverändert wieder da. Eine schlechte Haltung beim Vorbereiten lässt sich offenbar nicht nachträglich wegwärmen, sie muss in dem Moment behoben werden, in dem sie entsteht.
Neulich bin ich aufgewacht, und das erste, vertraute Ziehen beim Aufstehen war einfach nicht da, zum ersten Mal seit 2022, soweit ich mich erinnere. Ich will daraus nichts Großes machen: Ich weiß nicht einmal genau, welcher Teil geholfen hat, das Sitzen, das Stehen in Schrittstellung oder einfach eine ruhigere Phase an der Kasse. Aber es hat mir gezeigt, dass die Wahl zwischen Stehen und Sitzen in der Küche kein Detail ist, das man einfach ignorieren kann.
Zwischen beiden Haltungen bewusst wechseln
Die Füße auf dem kalten Küchenboden brauchen dabei genauso kurz Aufmerksamkeit, bevor sie stundenlang Halt geben sollen, und wie die Füße den ganzen Rücken mittragen, ist ein Thema für sich, das mehr Platz verdient als diese eine Zeile.
Wer wie ich viele Stunden auf den Beinen verbringt, dem hilft oft auch, was ich in meinen Erfahrungen mit Fußgymnastik nach langen Schichten aufgeschrieben habe, denn die Entlastung fängt manchmal ganz unten an, lange bevor sie im unteren Rücken ankommt.
Meine Faustregel nach diesem ganzen Hin und Her: Ich stehe, wenn die Aufgabe kurz ist, wenn das Wasser schon kocht oder wenn ich mich sowieso bewegen will, weil der Tag an der Theke ruhig war. Ich setze mich, wenn die Vorbereitung länger dauert, wenn feine Schneidearbeit ansteht oder wenn der Rücken schon beim ersten Handgriff zeigt, dass er heute wenig Geduld hat. Keine der beiden Haltungen löst das Problem allein, aber die Entscheidung bewusst zu treffen, statt einfach dahin zu fallen, wo ich gerade stehe, macht für meinen Rücken den größten Unterschied.
Diese Art von Alltagstipps schreibe ich mir mittlerweile in mein Leinen-Heft, mein kleines Buchhändlerinnen-Tagebuch für den Rücken, nicht weil sie originell sind, sondern weil ich sie sonst prompt wieder vergesse, sobald der nächste Topf auf dem Herd steht. Blasius streicht mir dabei zwischen den Füßen hindurch, während ich unschlüssig zwischen Stehen und Sitzen wechsle, mit einer Miene, als hielte er das ganze Vorhaben für ziemlich überflüssig.